Der streitbare Liberale – Seite 1

Das Beste im Leben ist eine gute Gesundheit und ein schlechtes Gedächtnis." Mit diesem Hemingway-Zitat beantwortet Dr. Thomas Dehler die Frage, was seiner Meinung nach politischen Dauererfolg gewährleiste. Er denkt dabei aber nicht an sich selber. Sein Gedächtnis ist außerordentlich gut. Festgepflockt sitzen darin vor allem jene Episoden, die zu seinem Zerwürfnis mit Adenauer führten. Adenauer: der Name fällt im Gespräch immer wieder, er scheint wie ein Alptraum über dem politischen Denken dieses streitbaren Liberalen zu liegen, dessen "Sonntagsreden" den Bundeskanzler erregten und dem es damals wie heute um eine andere Außenpolitik ging.

Streitbar – ist Thomas Dehler noch streitbar? O ja, da liest man doch, wie scharf er eben erst in Cuxhaven des Bundeskanzlers ablehnende Haltung zu Gerstenmaiers Vorschlägen von Friedensverhandlungen angegriffen hat! Hier aber, in seiner Wohnung auf dem Venusberg über Bonn, tritt er erstmal so sanft auf, als fürchte er, kostbares politisches Porzellan zu zerschlagen. Man kennt das eigentlich gar nicht bei ihm. Brach nicht sonst sein Unmut über eine seiner Meinung nach schlechte Politik (oder schlechte politische Manieren) wie ein Vulkan aus, der mit der glühenden Lava naturgegebener Rhetorik jede müde und matte Gleichgültigkeit bequemer Zeitgenossen versengte?

Die Behutsamkeit, mit der Dehler zunächst Politisches formuliert, muß besondere Gründe haben: Die Wahlen, in denen seine Partei, die FDP, keinen Schaden erleiden darf; und vielleicht auch eigene Überlegungen. Denn liegt nicht auch für ihn die Zukunft wieder in einem Regierungsposten – wenn nicht im nächsten Kabinett, so doch vielleicht im übernächsten?

Das mit erlesenem Geschmack eingerichtete Arbeitszimmer atmet Ruhe und Behaglichkeit. Zwischen diesen alten Möbeln, zu Füßen einer wunderschönen Madonna – bayerisches Barock – kann man nur gedämpft plaudern – und Dehler macht von der Atmosphäre Gebrauch, um kitzlige Fragen nach den wahltaktischen Absichten der FDP mit weicher Hand wegzustreichen. Wie es sich denn damit verhalte, so frage ich, daß die FDP mit Bundestagspräsident Gerstenmaier und SPD einer Meinung sei über die Notwendigkeit von Friedensverhandlungen für ganz Deutschland, daß sie andererseits aber ihr koalitionssüchtiges Auge nur auf die CDU geworfen habe, deren Ansichten, vertreten durch Adenauer und Krone, den ihren diametral entgegengesetzt seien?

Dehler flüchtet sich in Wahlarithmetik. Die Rechnung FDP – SPD sei wohl zu schwach, meint er und begründet dann prinzipiell: "Eine Partei wie die unsere muß im Grunde nach beiden Seiten optieren können. Die SPD hat für uns, so wie die Dinge liegen, keine Anziehungskraft mehr. Sie hat außenpolitisch weitgehend gepaßt, und ihre wirtschaftspolitischen Forderungen sind übersteigert, sie bergen inflationäre Gefahren in sich – Die CDU kann uns gut gebrauchen, um die CSU und Strauß in Schach zu halten oder gar auszumanövrieren, es wäre für Adenauer ein interner Ausgleich, uns in die Regierung hineinzunehmen ...

Thomas Dehler möge es mir verzeihen, wenn mir scheint, er sage das alles nur mit halbem Herzen. Das ganze, große, liberale Dehler-Herz springt auf, als er von der Wahltaktik abgeht und zu den Problemen vorstößt, die ihn wirklich bewegen. Diese Probleme heißen: Außenpolitik und Adenauer, Adenauer und Außenpolitik.

"An Adenauers außenpolitischer Konzeption ist mein Verhältnis zu ihm zerbrochen" – plötzlich ist Feuer in Dehlers Worten. Adenauer sieht keinen geschichtlichen Auftrag für ganz Deutschland, ihm ist Kleindeutschland in einem Kleineuropa gerade recht. Er hat etwas von einem imponierenden Renaissancefürsten – mit Distanz gegenüber moralischen Gesetzen, mit Abstand auch gegenüber dem Recht. Die Wiedervereinigung kann man aber nur erreichen, wenn man sie vorlebt, wenn man stündlich zeigt, daß man sie will. Das Volk richtet sich nach der Spitze und, glauben Sie mir, die Deutschen haben ganz genau gespürt, daß der Alte eigentlich gar nichts geändert haben will. Die Tragik der Regierungsperiode Adenauers wird sein, daß in ihr und unter ihr der Wille der Deutschen zu Deutschland erlahmt und entschlafen sein wird ..."

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Auf der Grundlage der bisherigen Außenpolitik Adenauers sei eine Koalition nicht denkbar "Wir stehen hinter Gerstenmaier. Adenauer hat mit dem Osten nie verhandeln wollen, er hat nie nach dem Osten politisch gewirkt. Man sollte Chruschtschows Drohungen doch nicht als biblische Worte nehmen – er ist Politiker, und auch er läßt sich politisch beeinflussen. In seiner Note vom 17. Februar und in seinem Memorandum an Kennedy sind durchaus Ansatzpunkte für Verhandlungen vorhanden – und warum denn auch nicht eine Konferenz aller 52 Staaten, die mit Deutschland Krieg geführt haben? Nur 10 von ihnen gehören ja dem Ostblock an!"

Zweiflerische Fragen sind Dehler willkommen, sind ihm ein Anlaß, sein Argument auszubauen – und sein Argument richtet sich immer irgendwie gegen den Kanzler. Ob er, Dehler, denn wirklich glaube, man könne Chruschtschow zu Konzessionen in der Deutschlandfrage bewegen? – "So fragt kein Politiker! Ein Politiker muß wollen!"

Dehler erinnert an die Haltung des Bundeskanzlers vor den Saarwahlen; es bereitet ihm offensichtlich Vergnügen, daran zurückzudenken. Noch am Tage vor den Wahlen war er bereit, das Saarland abzuschreiben, sprach er von einem Opfer für Europa! Wer hat für das Saargebiet gekämpft? Nur wir, die FDP. Und wer hätte an die österreichische Lösung geglaubt, was wäre wohl geschehen, wenn die Österreicher nicht verhandelt und immer wieder verhandelt hätten?

In diesem Franken brennt die ehrsame Überzeugung eines idealistischen Demokraten. Er verleugnet nicht sein erzprotestantisches Herz: "Den Katholiken fällt das Verhältnis zum Staat viel schwerer als uns, für sie steht die Kirche an erster Stelle". Sein Ungemach aber heißt Adenauer, und taucht der Name auf, so ist Dehler Feuer und Flamme. Vor welchem Ende man auch das Gespräch führt, man endet immer bei Adenauer.

Ob Dehler, der als gelegentlich amtierender Bundestagspräsident ausschweifende Desatten kurz abbricht, mit unseren parlamentarischen Sitten und Gebräuchen zufrieden ist? Nein, das ist er nicht. Es werde zu wenig diskutiert und zu viel geredet. Man gehe nicht mehr ins Parlament, um es zu überzeugen, sondern um vorgefaßte Positionen zu verteidigen: "Das ist eine Folge der absoluten Mehrheit der CDU. Sie hat den Bundestag entleert. Diese Übermacht hat aber nicht zu einem stärkeren Einfluß der Fraktion geführt, sondern nur zu dem des Paliis Schaumburg." Wieder der Komplex Adenauer!

Was liest Dehler wenn er zu Bett geht? Es stehen so viele schöne Bücher im Zimmer "Politik – auch zur Entspannung?" – "Auch zur Entspannung. Politik fasziniert mich. Eben lese ich Dokuments über den Niedergang der Weimarer Republik. Ich habe die Zeit ja bewußt erlebt, und manche Details sind nahezu erregend."

Da ist schon wieder der Gegensatz: Sein großer Kontrahent Adenauer liest zur Entspannung Kriminalromane. Dehler ist mit der Politik verheiratet, leidenschaftlich und glücklich – auch wenn es manchmal nach unglücklicher Ehe aussieht. Nächste Woche: Carlo Schmid