Auf der Grundlage der bisherigen Außenpolitik Adenauers sei eine Koalition nicht denkbar "Wir stehen hinter Gerstenmaier. Adenauer hat mit dem Osten nie verhandeln wollen, er hat nie nach dem Osten politisch gewirkt. Man sollte Chruschtschows Drohungen doch nicht als biblische Worte nehmen – er ist Politiker, und auch er läßt sich politisch beeinflussen. In seiner Note vom 17. Februar und in seinem Memorandum an Kennedy sind durchaus Ansatzpunkte für Verhandlungen vorhanden – und warum denn auch nicht eine Konferenz aller 52 Staaten, die mit Deutschland Krieg geführt haben? Nur 10 von ihnen gehören ja dem Ostblock an!"

Zweiflerische Fragen sind Dehler willkommen, sind ihm ein Anlaß, sein Argument auszubauen – und sein Argument richtet sich immer irgendwie gegen den Kanzler. Ob er, Dehler, denn wirklich glaube, man könne Chruschtschow zu Konzessionen in der Deutschlandfrage bewegen? – "So fragt kein Politiker! Ein Politiker muß wollen!"

Dehler erinnert an die Haltung des Bundeskanzlers vor den Saarwahlen; es bereitet ihm offensichtlich Vergnügen, daran zurückzudenken. Noch am Tage vor den Wahlen war er bereit, das Saarland abzuschreiben, sprach er von einem Opfer für Europa! Wer hat für das Saargebiet gekämpft? Nur wir, die FDP. Und wer hätte an die österreichische Lösung geglaubt, was wäre wohl geschehen, wenn die Österreicher nicht verhandelt und immer wieder verhandelt hätten?

In diesem Franken brennt die ehrsame Überzeugung eines idealistischen Demokraten. Er verleugnet nicht sein erzprotestantisches Herz: "Den Katholiken fällt das Verhältnis zum Staat viel schwerer als uns, für sie steht die Kirche an erster Stelle". Sein Ungemach aber heißt Adenauer, und taucht der Name auf, so ist Dehler Feuer und Flamme. Vor welchem Ende man auch das Gespräch führt, man endet immer bei Adenauer.

Ob Dehler, der als gelegentlich amtierender Bundestagspräsident ausschweifende Desatten kurz abbricht, mit unseren parlamentarischen Sitten und Gebräuchen zufrieden ist? Nein, das ist er nicht. Es werde zu wenig diskutiert und zu viel geredet. Man gehe nicht mehr ins Parlament, um es zu überzeugen, sondern um vorgefaßte Positionen zu verteidigen: "Das ist eine Folge der absoluten Mehrheit der CDU. Sie hat den Bundestag entleert. Diese Übermacht hat aber nicht zu einem stärkeren Einfluß der Fraktion geführt, sondern nur zu dem des Paliis Schaumburg." Wieder der Komplex Adenauer!

Was liest Dehler wenn er zu Bett geht? Es stehen so viele schöne Bücher im Zimmer "Politik – auch zur Entspannung?" – "Auch zur Entspannung. Politik fasziniert mich. Eben lese ich Dokuments über den Niedergang der Weimarer Republik. Ich habe die Zeit ja bewußt erlebt, und manche Details sind nahezu erregend."

Da ist schon wieder der Gegensatz: Sein großer Kontrahent Adenauer liest zur Entspannung Kriminalromane. Dehler ist mit der Politik verheiratet, leidenschaftlich und glücklich – auch wenn es manchmal nach unglücklicher Ehe aussieht. Nächste Woche: Carlo Schmid