G. P., Stade

Der vielgerühmte "neue Geist in der Bundeswehr" – er ist mancherorts noch eire Seltenheit. Dieses geschah unlängst in der nieder-’ sächsischen Kreisstadt Stade:

Der 27jährige Bundeswehr-Leutnant Wolfgang Missler mußte sich vor dem Amtsrichter verantworten, angeklagt der eigenmächtigen Abwesenheit von der Truppe und verdächtigt der Fahnenflucht. Warum? Nur weil er es, als freier Bürger in Uniform, gewagt hatte, andere Ansichten zu vertreten als seine Dienstvorgesetzten, und weil er von den ihm zustehenden Rechten Gebrauch gemacht hatte.

Begonnen hatte die ganze Geschichte im Jahre 1957, als Missler nach vier Semestern Studium der Staatswissenschaften freiwillig zur Bundeswehr gegangen war, um seinen Eltern nicht länger auf der Tasche zu liegen. Anderthalb Jahre später war er frisch gebackener, Leutnant und verzierte seinen Spind mit den Bildern eines hübschen, erst siebzehn Jahre alten Mädchens namens Christel.

Die Verlobung ließ nicht lange auf sich warten, und der lebenslustige, doch pflichtbewußte Leutnant versprach nicht nur seiner Christel Heirat und ewige Treue, sondern auch seiner Schwiegermama in spe, er werde dem Soldatenleben ade sagen und sich um das von ihrem verstorbenen Mann hinterlassene Geschäft und Vermögen kümmern. Er heiratete daher am 8. April 1960, wohlgemut und im festen Glauben, er könnte jederzeit seine Entlassung verlangen. Tatsächlich war dies Recht ja auch durch das Soldatengesetz vom 19. März 1956 garantiert, als er sich auf den Offiziersberuf verpflichtete.

Der Leutnant Missler war freilich nicht davon unterrichtet, daß acht Tage vor seiner Heirat das dritte Änderungsgesetz zum Soldatengesetz Rechtskraft erlangt hatte: Danach kann ein Berufsoffizier bis zum sechsten Dienstjahr auf Wunsch nur dann entlassen werden, wenn die Fortsetzung des Dienstes eine besondere Härte für ihn bedeutet. Die Personalabteilung der Bundeswehr lehnte daher insgesamt drei Entlassungsgesuche Misslers ab, wobei sie sich immer auf das abgeänderte Soldatengesetz berief.

So leicht ließ sich indessen der juristisch vorgebildete Leutnant nicht ins Bockshorn jagen. Er erhob, um zu seinem Recht zu kommen, bei der Stader Kammer des Verwaltungsgerichts Oldenburg Klage gegen die Bundesrepublik Deutschland, vertreten durch den Bundesminister für Verteidigung. Das erregte jedoch bei seinen unmittelbaren Vorgesetzten Mißfallen, und sooft sich eine Gelegenheit bot, dem renitenten Missler eins auszuwischen, schlugen sie zu.