R. H. – Hamburg

Das Taschenbuch "Christliche Religionen" in der Enzyklopädie des Wissens der Fischer Bücherei gibt unter dem Stichwort JEHOVAS ZEUGEN Auskunft über diese Sekte, die etwa 80 000 ihrer Angehörigen vom 18. bis zum 23. Juli im Hamburger Stadtpark zu einem Kongreß versammelt:

"Die Zeugen Jehovas oder Die Internationale Vereinigung Ernster Bibelforscher sind von dem Kaufmann Charles Taze Rüssel in den USA 1874 gegründet worden. Ebenso wie die Adventisten rufen die Ernsten Bibelforscher zur Vorbereitung auf das bevorstehende Reich Gottes auf. Apokalyptische Erkenntnisse gewann man aus der Bibel, die zunächst im Sinne der sechs Bände ‚Schriftstudien‘ von Rüssel ausgelegt wurde. Dieses Werk besaß höchste Autorität und ermöglichte eine eigenwillige Ausdeutung der ganzen Heiligen Schrift als Weissagung auf das Tausendjährige Reich, dessen Erscheinungsweise und -zeit genau beschrieben und das zu errichten der Mensch aufgerufen wird."

Den Weltuntergang, der dem Anfang dieses Tausendjährigen Reiches vorauszugehen hat, prophezeite Rüssel zunächst für das Jahr 1874, verlegte ihn dann aber auf das Jahr 1914, weil nichts Passendes passiert war. Der Anfang des ersten Weltkrieges war auch nicht die ersehnte Form des Weltuntergangs, und die neuerliche Verschiebung auf das Jahr 1918 nützte ebenfalls nichts.

Russeis Nachfolger Rutherford verkündete 1920 trotz all dieser Fehlvorhersagen: "Millionen jetzt lebender Menschen werden nie sterben." Den Anbruch des ersehnten "Königreiches" verschob Rutherford auf das Jahr 1925, in dem mit vielen anderen auch Abraham, Isaak und Jakob auferstehen sollten.

Irgend etwas kann im Terminkalender der Zeugen Jehovas nicht stimmen. Denn noch immer ist das Tausendjährige Reich nicht angebrochen. Die Königsburg im Hamburger Stadtpark ist nur Attrappe, ein farbiger Abglanz künftiger Seligkeit: Eine breite und vergleichsweise drei Stockwerke hohe Burg mit zwei zinnengeschmückten Türmen ("Der Wachtums" heißt die Zeitschrift der Sekte) erhebt sich gegenüber der Tribüne. Auf dieser Burg grünen paradiesische Pflanzen, übernatürlich große, üppig blühende, superfarbig leuchtende Blumen und oxydgrüne Palmen: Der Traum einer Bauernmagd des neunzehnten Jahrhunderts vom Paradies. Nur die Rückseite – nach Art von Filmkulissen enthüllend, daß diese Flora durch Latten gestützt und unverwelkbar ist – verrät, daß die Königsburg vorläufig noch ein Muster ohne Wert ist.

Es regnete in Strömen, als der Kongreß begann, und ein Wolkenbruch am Vormittag hat schon dafür gesorgt, daß die Hamburger Stadtpark wiese zu einem Schlammfeld geworden war. Aber unverzagt stapften die Zeugen Jehovas aus vielen Ländern hindurch. Manche Frauen hatten Schuhe und Strümpfe ausgezogen, der Schlamm quoll zwischen den Zehen hervor. Nur eine Neger-Zeugin Jehovas sah dabei noch angenehm aus.