Von Karl Jaspers

Die Universität ist an den Staat gebunden, aber nicht in jedem Staat sind Universitäten möglich. Da die Universität Bezeugung der Freiheit durch Wahrheit ist, kann nur ein Staat, der selber Freiheit und daher Wahrheit will und auf sie sich gründet, auch die Universität wollen. Denn nur ein solcher Staat identifiziert sich grundsätzlich mit dem Geist der Wissenschaft und der Wahrheit, der Idee der Universität.

Aber weder Staat noch Universität sind irgendwo in der Welt am Ziel, und werden es nie sein. Eine vollendete Verwirklichung der Universitätsidee gibt es nirgends, weil nirgends die politische und die persönliche Freiheit so vollständig auf Wahrheit gegründet sind, daß sie schon wirkliche Freiheit wäre. Der Unterschied ist nur der, ob Freiheit auf dem Wege ihrer Verwirklichung ist, oder ob ihr Weg verboten und versperrt ist. Anders ausgedrückt: der Unterschied ist, ob der Staat auf Wahrheit sich gründen will, oder ob er auf Unwahrheit, Lüge, Fiktion angewiesen ist (das äußere Merkmal ist: Staaten, die Freiheit wollen, gestatten unbeschränkte Publizität der Mitteilungen und Meinungen, unfreie dagegen lenken die Publizität, verwandeln den Geist in eine Funktion des Staatswillens, lassen gegen das Einströmen der Wahrheit, die für sie Gift ist, an ihren Grenzen die eisernen Vorhänge nieder). Wo totale Herrschaft sich stabilisiert, darf Wahrheit nicht unbeschränkt wirken, da sie den unwahrhaftigen Grund der Herrschaft und damit diese Herrschaft selbst zerstören würde.

Für die totale Herrschaft ist Wissenschaft, soweit sie brauchbar ist, ein Machtmittel. Sie ist nicht Moment der Wahrheit, die frei macht. Unter totaler Herrschaft kann es nur Schulungsanstalten für gelernte Arbeiter im weitesten Sinne und für Funktionäre geben.

Eine Institution, die den Namen Universität trägt, ist durch den Namen noch keine Universität. An einer totalitären Universität kann wohl mancher einzelne Forscher, vor allem in Naturwissenschaften und Medizin, frei arbeiten. Aber solche Universität als Ganzes ist doch keine Universität. Daher ist es eine Täuschung, wenn freie Universitäten, sich selbst nicht mehr verstehend, solche totalitären Anstalten als mit ihnen zu einer umfassenden Gemeinschaft des Geistes gehörend anerkennen.

Die Universität, frei im freien Staat, steht überstaatlich und übernational am Ort der Wahrheit, die in ihrer für unser Zeitdasein allein möglichen Gestalt alle Menschen verbinden würde, nicht in der einen nun wieder dogmatischen Gewußtheit, sondern in der Kommunikation des Vielfältigen durch unvollendbare Bewegungen. Wo Wahrheit wirkt, gibt es Pluralität der geistigen Mächte.

So ist die überpolitische und insofern apolitische Universität „politisch“ nur in dem einen Punkt: Sie ist als Suchen der Wahrheit unvereinbar mit totaler Herrschaft, in der die eigentliche Politik selber zu Ende ist (an ihre Stelle treten Manipulationen, die zum Teil von Machiavelli, radikal im indischen Arthashastra beschrieben sind, überall auf der Welt außer im Abendland das Menschenschicksal beherrschten, und erst heute im technischen Zeitalter ganz kund geworden sind). Daher war die Universität unmöglich im Staat des deutschen Nationalsozialismus und ist verschwunden in allen anderen totalitären Staaten. Wohl wäre sie durchaus verträglich mit einer sozialistischen und auch kommunistischen Wirtschaftsordnung, aber nicht mit totaler Herrschaft. Denn der politische Zustand, der mit Wahrheit nicht verträglich ist, ist auch mit der Universität nicht verträglich.