Einige beachtliche Ausnahmen von dem allgemeinen Chemieboom hat es im Geschäftsjahr 1960, bei der Wasag-Chemie AG, Essen, gegeben. Bereits im vergangenen Jahr mußten wir über "geteilte Freuden" in diesem Konzern berichten, und im Berichtsjahr haben sich die negativen Einflüsse bei einigen Tochtergesellschaften eher noch verstärkt. Zwar konnte die Wasag-Gruppe ihren Umsatz nochmals, um rund 11 vH, auf 219 (196,8) Mill. DM steigern, aber die Ertragsbasis war wesentlich schmaler als im Jahr zuvor. Einige harte Schläge, mit denen sich das Unternehmen auseinanderzusetzen hatte, haben diesem Abschluß ihren Stempel deutlich aufgedrückt.

Das schwärzeste Ereignis müßte die Konzernverwaltung – wie schon im Vorjahr – wiederum bei der Stickstoffwerk Krefeld GmbH,schon 1959 das ausgemachte Sorgenkind der Gruppe, registrieren. Dort hatte die Wasag zusammen mit der Union Rheinische Kraftstoff AG seinerzeit Anlagen projektiert, in denen die Stickstoffdüngemittel Ammonsulfat und Kalkammonsalpeter und dazu Salpetersäure erzeugt werden sollten. Aber bereits in der Anlaufzeit der ersten Ausbaustufe entwickelte sich der Markt diametral entgegengesetzt den Wünschen und Hoffnungen der Wasag-Verwaltung: Es gab einen rasanten Preissturz auf dem Weltmarkt, der schon in 1959 zu hohen Verlusten bei dieser Tochter geführt hatte. Das Projekt wurde dann bereits nach der ersten Stufe gestoppt und – da die Verwaltung eine Änderung auf dem Weltstickstoffmarkt und vor allen Dingen auf dem Ammonsulfatgebiet nicht erwartet – die Anlage. stillgelegt. Die Anlaufkosten sind, wie Vorstandsmitglied Dr. Heinrich Gattineau mitteilte, in "den jeweiligen Jahresbilanzen untergebracht". Und was noch an Risiken aus diesem Fehlschlag zu erwarten ist, wurde in der jetzt vorgelegten Bilanz zurückgestellt, so daß immerhin die Aussicht besteht, daß der Abschluß 1961 zum erstenmal wieder ohne den Stickstoff-Ballast erscheint. Wieviel der Konzern insgesamt für seinen Ausflug nach Krefeld bezahlen mußte, das behält die Verwaltung diskret für sich. Sie ist jetzt bemüht, die dortigen Anlagen einer anderen Verwendung zuzuführen, aber darüber wurden noch keine näheren Angaben gemacht.

Nicht nur die Krefelder Tochter hat der Mutter im Berichtsjahr Sorgen bereitet. Eine Stagnierung des Umsatzes und ein Rückgang der Rendite waren auch im Puppengeschäft, dem traditionsreichen Betätigungsfeld der größten Tochter, der Rheinischen Gummi- und Celluloidfabrik, Mannheim, zu verbuchen. Die italienische und die französische Konkurrenz drücke auf den Spielwarenmarkt, hieß es dazu bei der Konzernspitze in Essen. Als weiteres Gebiet, das im vergangenen Geschäftsjahr nicht alle Hoffnungen erfüllt hat, wird das bei der Wasag selbst – die nicht nur Holding, sondern auch produzierende Gesellschaft ist – konzentrierte Anlagengeschäft genannt. Die im Berichtsjahr durchgeführten Montagen waren bereits im Umsatz des Jahres 1959 erfaßt worden.

Eindeutig auf der Sonnenseite stand die Wasag dagegen mit ihrem Kunststoffprogramm. Bei der Mannheimer Tochter, die den Ausbau der Kunststoffverarbeitung zügig vorangetrieben hat, ist der Umsatzanteil der Kunststoffe jetzt bereits auf 43 vH gestiegen. Im Gesamtkonzern bestreiten sie 39,4 (37,9) vH des Umsatzes; es folgen Sprengstoffe und Nitrozellulose mit 34,3 (34,3) und Düngemittel mit einem Anteil von 26,3 (27,8) vH. Auf dem Kunststoffgebiet liegt im Wasag-Bericht weiterhin, wie schon in den letzten Jahren, der Schwerpunkt der Investitionstätigkeit. Das galt besonders auch für das Berichtsjahr, in dem von dem Gesamtaufwand für Investitionen in Höhe von 13,8 Mill. DM allein 5,7 Mill. DM auf die Rheinische Gummi- und Celluloid-Fabrik in Mannheim entfielen.

Für die unveränderte Dividende von 12 (12) vH auf das nach wie vor niedrige Kapital von 11,16 Mill. DM – dessen Erhöhung allerdings nicht zur Debatte steht – hat die Verwaltung diesmal plausible Gründe, die den Aktionären trotzdem nicht unbedingt Freude bereiten werden. Aber nach den mündlichen Erläuterungen des Vorstandes dürften sich die Anteilseigner immerhin eine gewisse Vorfreude auf das laufende Geschäftsjahr gestatten. Die Umsätze lagen in den ersten vier Monaten dieses Jahres um rund 10 vH über dem Niveau des Berichtsjahres, und mit ihnen sind diesmal auch, wie versichert wird, die Erträge gestiegen. nmn