Eine Spezialkarte von Südtirol verzeichnet weit mehr als 400 Burgen, befestigte Ansitz; und Schlösser, Türme und Ruinen aller Art. Die berühmtesten unter ihnen, Runkelstein etwa oder Schloß Tirol, sind heute vielbesuchte Touristenziele; anderen – wie Karneid oder Sigmundskron – muß auch, der eiligste Italienreisende wenigstens einen flüchtigen Blick widmen, weil sie direkt oberhalb der großen, südwärts führenden Heerstraße liegen und einfach nicht zu übersehen sind. Die meisten Burgen freilich dämmern abseits der Urlauber-Rollbahnen vor sich hin, verfallen, verwunschen, mit Efeu überwuchert, und kein Reiseführer nennt sie als noch so bescheidene Sehenswürdigkeit. Es kostet einige Mühe, sie zu finden und sich über steile, holperig gepflasterte Pfade bis zu ihren Mauern durchzukämpfen. Dieser Mühe, die heute nur noch wenige Reisende auf sich zu nehmen bereit sind, verdanken sie allerdings die ursprüngliche, unverfälschte Romantik ihres Dornröschendaseins.

Südtirol ist ein fruchtbares, ein reiches Land. Zu jeder Zeit hat es begehrliche Wünsche bei den Mächtigen geweckt; sie setzten sich deshalb an den strategisch wichtigsten Punkten fest, um das Land zu kontrollieren. Als mit dem ausgehenden Mittelalter und dem Fortschritt der Waffentechnik die Burgen ihre strategische Bedeutung verloren, repräsentierten die Nachkommen jener Geschlechter Macht, Einfluß und Wohlstand auch weiterhin in burgartigen Bauten. Stadt- und Jagdschlösser setzten die Tradition fort. Alle diese Bauten geben dem Land zwischen Brenner und Salurner Klause sein einzigartiges Gepräge.

Wer, vom Brenner kommend, das Eisacktal hinunterfährt, wird gleich hinter Sterzing von den beiderseits der Straße aufragenden Burgen Reiffenstein und Sprechenstein empfangen, die am Eingang ins Südtiroler Burgenparadies liegen.

Wer es nicht sehr eilig hat – und vor Eile möchten wir den Burgenfahrer eindringlich warnen –, der sollte gleich hinter Franzensfeste die Brennerstraße verlassen und ein wenig ins anmutige Pustertal hineinschauen. Von weitem schon wird ihn der Blick auf die mächtige Burgenanlage von Rodeneck (bei Mühlbach) belohnen, deren reichgegliederte Architektur eher eine befestigte Stadt vermuten läßt. Die Burgmauern hängen fast über den Abstürzen der schmalen Felsnase, die auf drei Seiten von den Wassern der Rienz umspült wird und der Baulust ihrer Herren schließlich Einhalt gebot.

Über Ehrenburg und Sonnenburg führt dann der Weg nach Bruneck. Wer sich von hier aus ins Ahrntal hineinlocken läßt, der gerät zwar in eine "Sackgasse", schließlich aber auch zur Burg Taufers in einem Talende von imposanter Großartigkeit: Unmittelbar hinter dem Felsrücken, auf dem die Burg im 13. Jahrhundert erbaut wurde, steigen die eisbedeckten Dreitausender der Zillertaler Alpen auf.

Beträchtlich rauhere Luft weht auf der Trostburg, die herausfordernd und unumgehbar die Abzweigung ins Grödener Tal bei Waidbruck überwacht. Im Gewand dieser Renaissancefestung steckt eine mittelalterliche Burganlage mit mehreren Vorwerken. Die Trostburg geriet frühzeitig in den Besitz eines der einflußreichsten Adelsgeschlechter des Landes, der Herren von Wolkenstein. Hier wuchs Oswald von Wolkenstein, der "letzte Minnesänger", auf, bevor er als Kriegsheld, Diplomat und Abenteurer in die Welt hinauszog.

Da die Wolkensteiner, denen die Burg heute noch gehört, inzwischen friedliche Leute geworden sind, kann der Reisende ungehindert ins Grödener Tal ein- und bis nach St. Christoph vordringen. Dort liegt auf einer Anhöhe über dem Ort inmitten saftig grüner Wiesen die stattlich schöne Fischburg. Sie ist das letzte Beispiel eines nach Art der Burgen errichteten Wohngebäudes aus dem 17. Jahrhundert, wobei dem Bauherrn, ebenfalls ein Wolkensteiner, der Eindruck der Wehrhaftigkeit nur noch als traditionelles und repräsentatives Dekor gedient hat.