Von Erika Müller

Sibirien. Eine Straße, ein paar Arbeiter, drei Autobusse. Ein Chinese kommt ins Bild. Des Sprecher sagt: Sibirien, ein’einziges Sing-Sing. Fern von ihren Familien, sind hier diese armen Menschen zu schwerer Arbeit verurteilt. Die Omnibusse sind nur für die Besichtigungskommissionen da. Mit dem chinesischen Nachbarstaat stehen die Beziehungen nicht zum besten. Der gelbe Mann auf der Straße mit dem undurchdringlichen Lächeln ist ein verkappter Spion.

"Das ist die amerikanische Version zu diesen Filmbildern", sagt der Sprecher mokant, "und nun gebe ich Ihnen die russische: Unsere geliebte Sowjetunion hat es herrlich weit gebracht. Die Arbeiter, die Sie hier sehen, sind stolz darauf, an dem großen Aufbauwerk in Sibirien mitzuhelfen. Hier entsteht Rußlands großes neues Industriegebiet. Jeden. Morgen werden die Arbeiter mit volkseigenen. Autobussen an ihre Arbeitsstätte gefahren. Ein Vertreter unseres Brudervolks ist gekommen, um ihr großes Friedenswerk kennenzulernen."

"Die Wahrheit dieser Bilder aber lautet", fährt der Sprecher fort: "In der sibirischen Ebene führt diese neue Straße von A nach B. Neuerdings sind Autobusse auf dieser Strecke eingesetzt. Die Männer, die Sie hier sehen, sind Straßenarbeiter, die Reparaturen ausführen? Der Chinese sieht nur so aus, als sei er einer. Er ist. ein Russe chinesischer Abstammung."

Lügen Bilder? Sind Photos Dokumente? Wie dieses; Beispiel zeigt, lassen, sie völlig entgegengesetzte Interpretationen zu, und das ist Glanz und Elend so vieler. Dokumentarfilme. Dieser Film "Sibirien" stammt von dem Franzosen Chris Marker, und eine Produktionsgesellschaft in Haifa hat sich Marker für die Herstellung eines Dokumentarfilmes über Israel geholt, der dieser Filmgattung neue Dimensionen eröffnete und auf den Berliner Filmfestspielen mit dem "Goldenen Bären" ausgezeichnet wurde.

"Beschreibung eines Kampfes" heißt der Film in französischer, deutscher, englischer Fassung. Der Titel ist einer Erzählung, von Kafka entnommen. Kafka beschreibt den moralischen, ethischen, philosophischen Kampf zweier Menschen während eines nächtlichen Spazierganges, der in einer Prügelei endet. Als die Morgendämmerung hereinbricht, erkennt der Leser, daß es sich nur um einen Menschen handelt, der mit sich selbst gekämpft hat.

Die ersten Sätze des Sprechers lassen erkennen, wie dieser anspruchsvolle und etwas mißverständliche Titel gemeint ist: "Israel – auserwähltes Volk, Wandervolk, Märtyrervolk, auferstandenes Volk – kannte Kampf in allen Formen. Heute entdeckt es noch eine andere Form: den Kampf, den jede junge Nation mit sich selbst aufnehmen muß, um in der Stunde des Sieges dem treu zu bleiben, was in den Tagen der Unterdrückung seinen Ruhm bedeutete. Hinter den Szenen des täglichen Lebens in Israel spielt sich dieser Kampf ab." (In der Urfassung mußte der Titel geändert werden, da die hebräische Sprache das Wort Kampf im übertragenen Sinn nicht anwenden kann.)