Von Joachim Joesten

Eine kurze Strecke hinter Angermünde merkt man, daß etwas im Werden ist. Die stolzen Kastanienbäume, die der tolle Markgraf im 18. Jahrhundert von seinen Leibeigenen pflanzen ließ, werden teils nur auf einer, teils auf beiden Seiten der Straße umgelegt. Es ist schade um sie, aber der neuzeitliche Verkehr erheischt seine Opfer auch von der Natur. Die alte Landstraße muß wesentlich verbreitert werden, um die bald zu erwartende starke Steigerung des Verkehrs von und nach Schwedt tragen zu können.

Die alte Garnisonstadt in der Uckermark war früher hauptsächlich für ihre Tabakscheunen bekannt. Sie tauchen auch heute noch am Rande der Stadt auf. Dort wird der vorzügliche Zigarrentabak, den die Uckermark produziert und der einen wichtigen Exportartikel darstellt, zum Trocknen aufgehängt.

Die industrielle Zukunft Schwedts aber liegt auf einem ganz anderen Gebiet. Ein paar Kilometer draußen vor der Stadt ist auf einer unübersehbaren Baustelle im geplanten Ausmaß von 16 km hoch 2 (von denen bisher 4 km hoch 2 in Angriff genommen worden sind) eine der größten Raffinerien Europas, das "Erdölverarbeitungswerk Schwedt" im Entstehen. Es ist nur ein Glied – aber ein sehr wichtiges – des gigantischen Erdölprojekts, das von dem Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe im Juni 1958 in Bukarest ausgearbeitet wurde, um riesige Mengen russischen Rohöls aus dem Wolgagebiet in die westlichen Randstaaten des "sozialistischen Lagers" zu leiten und dort in einer Reihe neuer Raffinerien verarbeiten zu lassen. Allein in Schwedt sollen nach Fertigstellung des chemischen Großkombinats, das dort im Entstehen ist, jährlich 8 Mill. t Erdöl zu Treibstoffen, Schmier- und Heizöl, Bitumen usw. verarbeitet werden.

Bei der Standortwahl wurden u. a. folgende fünf Faktoren berücksichtigt: Da erstens die, Industriegebiete des Landes bisher, abgesehen von Berlin, hauptsächlich im Süden und Westen lagen, galt es durch die Neugründung von industriellen Betrieben in den bisherigen Agrargebieten eine gleichmäßigere Verteilung zu schaffen, um, wie es heißt, auch die "kulturelle Rückständigkeit" dieser Landesteile zu beheben. Zweitens gibt es nur in dieser Gegend noch ein gewisses Reservoir an Arbeitskraft auszuschöpfen; durch die Nähe der Oder stehen drittens große Wassermengen zur Verfügung, die für den Raffineriebetrieb (ebenso wie für die Papierfabrik, die dort gleichzeitig gebaut wird) dringend benötigt werden; von Schwedt aus kann viertens auch der Norden des Landes besser mit Treibstoffen versorgt werden (während diese bisher nur im Süden hergestellt wurden); und fünftens begünstigt das verhältnismäßig flache Gelände die Bauarbeiten.

Als das jüngste der großen Bauvorhaben, von denen in diesem Bericht die Rede ist, befindet sich das EVW Schwedt noch in einem rudimentären Stadium, über das man in Stalinstadt und Schwarze Pumpe längst hinaus ist. Man merkt es gleich beim Empfang, der sich hier noch nicht in einem stattlichen Verwaltungsgebäude, sondern in einer hölzernen Baubaracke abspielt. Mit den ersten Vorarbeiten wurde noch im Jahre 1959 begonnen. Damals hat man mit großem Schwung eine rund 4 km hoch 2 große Fläche Kiefernwald gelichtet, um nachher ein bißchen melancholisch festzustellen, daß für den Geländebedarf der ersten Jahre viel zuviel eingeschlagen worden ist. Die feierliche Grundsteinlegung des Werkes fand am 11. November 1960 statt.

Wir fahren hinaus auf die Großbaustelle, die mit ihren noch unfertigen Straßen, nur streckenweise verlegten Geleisen, ihren Schachtanlagen und unfertigen Bauwerken den Eindruck eines Tummelplatzes ungeschlachter Riesen macht. Bald muß der Wagen abgestellt werden, und wir stapfen mühsam zu Fuß durch das teils holperige, teils staubig-sandige Gelände. Überall sind noch die Planierungsarbeiten im Gang. Da fauchen schwere Raupenschlepper hin- und her, bewegliche Dumper knattern an uns vorüber, mächtige Greifbagger wühlen in der Erde und schichten den Abraum an anderer Stelle wieder auf. Rund 2 Millionen Kubikmeter Erde müssen bewegt werden.