Die Banalisierung, die die Lehren Freuds gemeinhin im Film, besonders in Hollywood, erfahren, macht einen mißtrauisch gegen alles, was sich auf der Leinwand psychoanalytisch gibt. Die große Ausnahme ist der außer Landes lebende Spanier Luis Buñuel. Bei ihm hat die Freudsche Gedanken- und Symbol weit eine merkwürdige schockierende Kraft bewahrt; und zwar deshalb, weil sie bei ihm nicht als These auftritt, sondern mit artistischer Selbstverständlichkeit aufgesogen ist in Film-Poesie.

Das kann man exemplarisch studieren an Buñuels 1955 in Mexiko gefilmter Geschichte des Mannes Archie, den, ausgelöst durch eine mit makabren Kindheitserinnerungen behaftete Spieldose, die romantische Suche nach einer Frau von Mord zu Mord treibt. Morde freilich, die nie von ihm selber ausgeführt werden, weil ihm immer ein anderer zuvorkommt. Als dem Archie schließlich doch noch das holde Glück winkt, ändert er sein Leben radikal: Er feuert seinen Spazierstock – den Sexualersatz, den er eben noch als Mord Werkzeug benutzen wollte erleichtert in die Büsche.

Dieser Film ist, eine "Komödie", in der der Situationswitz als Brecheisen benutzt wird, um die Abgründe aufzureißen, die noch unter der komischsten Alltagsoberfläche lauern: Bei Buñuel steht das burleske Überleben des Mörders für die überdauernden Ungerechtigkeiten dermenschlischen Gesellschaft. ktl

"Der werfe den ersten Stein" (USA): Jesuitenpater Clark wirkt in der Unterwelt einer nordamerikanischen Großstadt, um ehemalige Strafgefangene vor dem Rückfall in die Kriminalität zu bewahren. Einer seiner Schützlinge, unfreiwillig in einen Diebstahl verwickelt, wird aus Verwirrung zum Mörder; der Priester begleitet ihn auf seinem Weg in die Gaskammer. Die auf authentische Motive zurückgehende Handlung wurde von Regisseur Irving Kershner reißerisch zugespitzt; doch durch das realistische Gewand schimmert eine fromm-erbauliche Grundstruktur durch. Andererseits kritisiert der Film die Selbstzufriedenheit der etablierten Gesellschaft; Pater Clark vertritt eine Art Arbeiterpriester-Standpunkt. Die Hinrichtungsszene am Schluß verdichtet sich zu einem nachhaltigen Plädoyer gegen die Todesstrafe. grg