Zuwenig formschöne Gebrauchsgegenstände – Ratschläge für Industrielle – Designer werden mutlos

Von Margret Hildebrand

Die Geschenkartikel-Geschäfte stehen voll Ramsch, wir sind wieder umgeben von Gebrauchsgegenständen, die vor Häßlichkeit strotzen. Muß das so sein? Nein, es muß nicht so sein, sagt Frau Professor Margret Hildebrand. Sie lehrt an der Akademie der Künste in Hamburg und ist Leiterin des Ateliers einer süddeutschen Gardinenfabrik. Prof. Hildebrand ist deshalb berufen, zu diesem Thema Vorschläge zu machen. Es fehlt, so sagt sie in den folgenden Ausführungen, an der richtigen Ausbildung in den Kunst- und Werkschulen und andern richtigen Einsatz der Designer in den Fabriken. Noch immer werden wir von dem schlechten Geschmack mancher Fabrikanten, die den Rat künstlerischer Entwerfer entbehren, erschlagen. Aber das Vordringen der "guten Form" und eines einheitlichen Stils, von den Möbeln bis zum Flaschenöffner, aus den skandinavischen Staaten wird die deutschen Industriellen zwingen, Waren herzustellen, die auch ästhetisch bessere Qualität haben.

Good design ist ein Begriff, den heute die ganze zivilisierte Welt kennt. Er bezeichnet das Industrieprodukt, das nicht nur gute Qualität in bezug auf Funktion, Material und Preiswürdigkeit besitzt, sondern das außerdem ästhetische Qualitäten hat, und zwar ästhetische Qualitäten, die nicht dem 17. oder 18. Jahrhundert, sondern dem 20. Jahrhundert, in dem wir leben, entsprechen.

Es gibt die verschiedensten Institutionen in allen Ländern, die sich mit der Förderung, der Verbreitung und der Publikation des "good design" befassen: Councils of Industrial Design (in Deutschland ist es der Rat für Formgebung, der unter dem Protektorat des Bundeswirtschaftsministers steht), design-centers (das größte befindet sich in London, das in wechselnder, doch permanenter Ausstellung die qualitativ und ästhetisch besten englischen Industrie-Erzeugnisse zeigt), design-Zeitschriften (es gibt sogar in einem Lande wie Indien schon eine, das am Beginn der Industrialisierung steht), design-Kongresse (der letzte world design-Kongreß fand in Tokio statt) und Verbände, in denen sich die Designer, die Künstler, zusammenschließen.

Diese Institutionen sind international. Sie reichen vom hohen Norden Europas bis Südamerika, Asien und Australien. Im International Council of Societies of Industrial Design sind bereits 25 Mitgliederorganisationen zusammengeschlossen, und an der letzten Tagung des ICSID in Stockholm haben 110 Delegierte aus 19 Staaten teilgenommen.

Solche weltweiten Bewegungen entstehen nicht ohne Anlaß. Man kann daraus nur folgern, daß es in der ganzen zivilisierten Welt eine große Anzahl Menschen gibt, die das Aussehen der meisten Industrieprodukte als unerträglich empfinden und die nicht einsehen können, daß alle phantastischen Erfindungen und die besten wissenschaftlichen Methoden, die die Industrie sich im Laufe ihres Bestehens nutzbar machte, am Ende nur dazu dienen sollen, uns mit Waren zu überschwemmen, die unsere Umwelt auf immer neue Weise häßlich und chaotisch machen oder sie verfälschen. Sie können nicht einsehen, warum steigender Lebensstandard immer nur eine Steigerung der Quantität bedeutet und nicht gleichzeitig eine Steigerung der Qualität, eben der ästhetischen Qualität, mit sich bringen soll.