Die letzten Wochen haben eine Fülle von agrarpolitischen Diskussionen gebracht. In der Kernfrage aber, die den Aufbau des gemeinsamen europäischen Marktes betrifft, ist es zu keinerlei Entscheidungen und noch nicht einmal zu einer grundsätzlichen Klärung gekommen. Der Ministerrat der EWG hat, wegen der von Paris und von Bonn her geltend gemachten Bedenken gegen die "Beschleunigung der Zeitfolge des Vertrages", den bequemen Ausweg gewählt, die Angelegenheit bis ("spätestens") Ende 1961 zu vertagen. Nicht sehr viel ergiebiger war die innerdeutsche Debatte, die über drei Stationen führte: den Bundestag, die agrarpolitische Sondertagung der CDU/CSU, und schließlich den Bauerntag in Ravensburg. Über die Bekundung des guten Willens durch allgemein und (der Sache nach) unverbindlich gehaltene Deklarationen, daß zu gegebenerZeit sicherlich alles Erforderliche getan werde, ist man kaum hinausgekommen. Das hat denn auch in Ravensburg prompt zu einer Verstimmung zwischen Dr. Adenauer und Edmund Rehwinkel geführt, nachdem der Bauernverbands-Präsident, unbefriedigt durch "halbe Antworten" des Regierungschefs, auf konkrete Zusagen gedrängt hatte.

Unabhängig von der Frage, ob es politisch klug und taktisch richtig ist, die Marschroute der Bundesregierung für die weiteren Verhandlungen in Brüssel gerade jetzt (und obendrein noch auf einer Verbandstagung...) festzulegen, wird man doch auf eine, baldige Entscheidung im grundsätzlichen hinzuarbeiten haben. Das Preisniveau für Agrarerzeugnisse im Gemeinsamen Markt muß, zunächst in großen Zügen, einmal festgelegt werden; dazu gehört auch, daß man sich eine Vorstellung von den Preisrelationen macht, die für die Basisprodukte – die ja sämtlich einer "Marktordnung" unterliegen werden – gelten sollen. Also beispielsweise und vor allem: Wie soll die Preisrelation zwischen Brotgetreide und Futtergetreide aussehen? Und: In welche Kategorie gehört dann der Roggen? Wichtig ist weiter, da ja die Preise nicht für die Dauer festgelegt werden können, schon jetzt von vornherein einen Modus für Preisanpassungen und -revisionen zu finden.

Die Agrarkommission der EWG in Brüssel, sorgsam bemüht, allen Grundsatzentscheidungen solange wie irgend möglich auszuweichen, beschäftigt sich mittlerweile mit der Bastelarbeit an den Details einer Verfahrensregelung für die endgültige Marktordnung, wie sie nach Ablauf der Übergangszeit realisiert werden soll. Aber Einzelheiten sind wirklich sinnvoll ja erst dann festzulegen, wenn die tragenden Pfeiler einer Gesamtkonzeption für das Preisgebäude stehen ... Wer auf die "freie" Marktwirtschaft und ihren Automatismus der Preisbildung eingeschworen ist, mag leicht über das Problem spotten, das hier zur Lösung steht – nämlich: Wie und auf Grund welcher Überlegungen denn eigentlich in einem "geplanten" Teilbereich der Wirtschaft die Preise (erstmalig) zu bestimmen und dann (für längere Dauer) zu regeln sind...

Jede Entscheidung dieser Art ist deshalb so schwierig, weil eine plötzliche "Anpassung nach oben" bei den Erzeugerpreisen erfahrungsgemäß nicht durch eine Verringerung der Verarbeitungs- und Handelsspannen aufzufangen ist, sondern sich sofort in den Verbraucherpreisen geltend macht. Was dann also prompt als eine Erschütterung des gesamten Preis- und Lohngefüges empfunden wird. Dort aber, wo die Erzeugerpreise eine "Anpassung nach unten" erfahren, stellt sich sofort die Frage, ob nicht für bestimmte Betriebsgruppen und -systeme, die nur begrenzte Möglichkeiten einer betriebswirtschaftlichen Umstellung haben, die Relation zwischen Kosten und Erlösen sich derart verschlechtert, daß es – regional – zu einem "Bauernsterben" kommt, und, in einem weiteren Bereich zu Erlöseinbußen und Kapitalverlusten bei vielen anderen Betrieben. Da es innerhalb der "Gemeinschaft der sechs Vaterländer" nun aber zwangsläufig Preisanpassungen nach der einen oder der anderen Seite hin geben muß – und selbst dann geben müßte, wenn man bei sonst freier Preisbildung im Innern die Marktordnung auf Außenzölle und Einfuhrkontingente beschränken würde –, hat jeder Versuch, die gegensätzlichen Interessen miteinander in Einklang zu bringen, eine verzweifelte Ähnlichkeit mit den Bemühungen um die Quadratur des Zirkels. E. T.