Von Ingrid Neuniann

Die Bergwerksgesellschaft Hibernia AG, Herne, kann – mit Recht – stolz von sich behaupten, daß sie sich als bundeseigene Gesellschaft in ihrer unternehmerischen Führung keineswegs von einem rein privatwirtschaftlich geleiteten Unternehmen unterscheidet. Nur in einem Punkte wird es deutlich, daß die Hibernia eben doch mit anderen Maßen messen kann: in der Dividendenpolitik. Hier gibt es keine "hungrigen" Aktionäre, die auf ein angemessenes Verhältnis von Ertrag und Ausschüttung Wert legen. Die im Bundesbesitz befindliche Muttergesellschaft, die Vereinigte Elektrizitäts- und Bergwerks-AG (Veba), ist eine höchst bequeme Aktionärin, die die Hibernia-Verwaltung jedenfalls in die glückliche Lage versetzt, ihren Gewinnverwendungsvorschlag nicht "verteidigen" zu müssen. Sonst würde es sich das Herner Unternehmen kaum leisten können, für das Jahr 1960 die Dividende mit mageren 7 (6) vH anzusetzen. Zwar ist der Dividendenvorschlag auch in Unternehmen mit freien Aktionären nicht immer ein Gradmesser für die Ertragslage der Gesellschaft – hier ist sie es auf gar keinen Fall.

Der Betrag, um den der für die Dividende erforderliche Reingewinn – von 20 auf 24 Mill. DM – steigt, ist fast schon vollständig von der Öltochter des Konzerns, der Scholven Chemie AG, vereinnahmt worden. Die Hibernia verbucht von Scholven einen Organschaftsgewinn von 12 (8,8) Mill. DM. Daneben sind aber auch die Beteiligungserträge auf 13,5 (10,9) Mill. DM angestiegen; und nicht zuletzt bieten auch die ansehnlich erweiterten Umsatzerlöse von 783,3 (744,5) Mill. DM die Gewähr für eine breitere Ertragsbasis bei der Muttergesellschaft selbst, zumal gleichzeitig die Aufwendungen für Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe fast gleichgeblieben und der Posten Löhne und Gehälter sogar kleiner geworden ist. Die Hibernia-Verwaltung brauchte sich angesichts dieser Daten mit ihren eigenen Wünschen keine übertriebene Zurückhaltung aufzuerlegen. Sie hat dementsprechend die steuerlichen Gewinnverwendungsmöglichkeiten weitgehend ausgenutzt; u. a. sind die Abschreibungen kräftig erhöht – sie gehen weit über das Investitionsvolumen hinaus – und den steuerfreien Rücklagen sind 6,3 (3,3) Mill. DM zugewiesen worden.

In allen Tätigkeitsbereichen hat die Hibernia 1960 besser abgeschnitten als im Vorjahr. Vorstandsvorsitzer Bergrat Dr. Werner von Dewall hob in einer Pressekonferenz besonders hervor, daß auch die Zechenbetriebe wieder erheblich günstiger gearbeitet haben als in den Vorjahren. Das ist zweifellos bis zu einem gewissen Grade auf die gute Konjunkturlage des ganzen Jahres 1960 zurückzuführen, die bei den Hibernia-Zechen immerhin neben der reibungslos untergebrachten Förderung auch einen Abbau der Haldenbestände um rund 247 000 t Kohle und 64 000 t Kok; im Gefolge gehabt hat. Aber stärker haben die Rationalisierungsinvestitionen zu Buch geschlagen; die Hibernia gehört zu den – wenigen – Zechengesellschaften, die tatsächlich auch eine ganze Menge getan haben, um aus eigener Kraft die Kohlenkrise zu überwinden. Im Berichtsjahre wurde die Förderung nochmals um knapp 3 vH auf rund 10 Mill. t gesenkt. Die Kokserzeugung mußte demgegenüber erheblich stärker um fast 11 vH auf 2,1 Mill. t gedrosselt werden. Die Gesellschaft hat im vergangenen Jahre die Zentralkokerei Scholven und die Zeche Wilhelmine Viktoria stillgelegt. Damit hatte Hibernia gegen Ende des Berichtsjahres den Anschluß an den Absatz erreicht. Allerdings sieht die Entwicklung im laufenden Jahre wieder recht trübe aus: die Halden sind schon fast wieder so hoch wie zu Beginn des Geschäftsjahres 1960, obwohl auch die Kohlenförderung weiter rückläufig ist. Ob damit roch weitere Kapazitätseinschränkungen im Hibernia-Bereich akut werden, kann noch nicht gesagt werden.

Der inzwischen bei den Hibernia-Zechen erreichte Kapazitätsschnitt hat nicht nur – jedenfalls im Berichtsjahre – das Angebot in die richtige Größenordnung gebracht, sondern vor allem – zusammen mit anderen Rationalisierungsinvestitionen – die Kostenrechnung entlastet. Für diese Entwicklung gab es in der Pressekonferenz bemerkenswerte Faustzahlen. Beispielsweise ist die Zahl der Abbaubetriebspunkte im Berichtsjahre weiter auf 116 (135) zurückgegangen und die Förderung je Betriebspunkt gleichzeitig auf 317 (288) t gestiegen. Bei Beginn der Kohlenkrise wurden noch an 143 Betriebspunkten jeweils rund 260 t Kohle gefördert; am 1. Juli dieses Jahres lauteten die entsprechenden Kennziffern 99 und 374 t! Ein anderer Vergleich ist ebenfalls sehr eindrucksvoll: Nach 3 Stillegungen in den letzten Jahren – davon sind 2 Anlagen mit je einer anderen zu modernen Großschachtanlagen mit gutem Erfolg zusammengelegt worden – verfügt die Hibernia heute über 8 Schachtanlagen mit einer durchschnittlichen Jahreskapazität von 1,25 Mill. t. (Der Durchschnitt der Ruhrzechen liegt immer noch bei 950 000 t je Schachtanlage.) Auch die Schichtleistung hat sich im Berichtsjahre weiter auf 1978 (1791) kg verbessert; sie stieg im laufenden Jahre nochmals erheblich auf 2209 kg. Die Senkung der effektiven Selbstkosten bei den Hibernia-Zechen, die gegenüber 1958 immerhin 5,60 DM je t Kohle ausmacht, wurde allerdings, wie von Dewall vor der Presse betonte, zum größten Teil wieder durch Erlössenkungen wettgemacht. Es bleibt ein echter Kostenvorsprung von 1,60 DM je t, und auch diesen sieht der Vorstand schwinden, wenn die Lohnerhöhungen im Bergbau in Kraft treten.