Die "Iljuschin 18" zog eine Schleife am blauen Genfer Himmel. Dann setzte sie zur Landung an. Als der bullige, kleine Mann, der seinen altmodischen Filzhut tief in die Stirn gezogen hatte, auf der Gangway erschien, klatschten nur die Russen, die zu seinem Empfang erschienen waren. Die Schweizer, die Neugier zum Flughafen getrieben hatte, stimmten nicht in den Beifall ein. Sie sahen teilnahmslos zu, wie der sowjetische Außenminister Gromyko auf den Herrn mit dem verknautschten Hut zuging und ihn umarmte.

Dies geschah am 9. Mai 1961, als die 160 Mitglieder starke rotchinesische Delegation für die Laos-Konferenz in Genf landete. Der Ankömmling, der von Gromyko auf beide Wangen geküßt wurde, war ihr Chef: Chinas Außenminister Marschall Tschen Yi.

Man kannte seinen Namen in Genf. Seine westlichen Gesprächspartner am grünen Tisch im Palais der Nationen, die nun schon mehr als neun Wochen mit den Russen und Rotchinesen über einen Frieden für das hinterindische Königreich verhandeln, kannten ihn auch von den Bildern in den Zeitungen. Sie wußten, daß dieser hohe Offizier einer der ältesten Kämpen des chinesischen Kommunismus ist. Aber sie kannten nur wenige Daten aus seinem Leben.

Gleich nach dem Ersten Weltkrieg war Tschen Yi unter jener Gruppe chinesischer Studenten, die auf Staatskosten in Paris studierte und zu denen auch sein Vorgänger im Amte des Außenministers, Chinas Ministerpräsident Tschu En-lai zählte. An der Sorbonne warf er sich auf die Chemie, doch eigentlich stand ihm der Sinn eher nach der schönen Literatur. Die Literatur brachte ihn dann, nach seiner Heimkehr zum Journalismus, und als Journalist begann er seine politische Laufbahn: Er gründete eine kommunistische Zeitung. Im Bürgerkrieg stieg er zum Kommandeur der 4. Armee auf, wurde nach 1949 Bürgermeister von Schanghai – und erwarb sich dabei den Ruf eines "Liberalen". Neben dem Amt des Außenministers, das er seit 1958 versieht, füllt er heute noch drei weitere wichtige Positionen aus: die eines Vizepremiers, Mitglieds des Politbüros der KP und stellvertretenden Vorsitzenden im Verteidigungsrat.

In Bandung hatte Tschen Yi 1955 zur Equipe Tschu En-lais gehört; er war seitdem ein bißchen durch Südostasien gereist. Aber die westlichen Diplomaten, denen er im Mai in Genf gegenübertrat, hatten ihn auf keiner internationalen Konferenz getroffen. Sie hatten noch nie an einem Tisch mit ihm gesessen, mit ihm diskutiert, verhandelt. Nur über eines waren sie sich von Anfang an im klaren: daß dieser kampfgewohnte und in vielen Schlachten erprobte Marschall aus Peking nicht so leicht aus dem Felde zu schlagen sein würde. Dem Minister-Marschall ging der Ruf eines drohenden Polterers voraus, eines Mannes, mit dem sich nicht reden lasse. Oft genug griff der Marschall in Genf denn auch die Westmächte an. Er warf ihnen ohne Umschweife vor, daß sie nur daran interessiert seien, Feuerbrände in Asien anzulegen.

Allerdings: er tat es selten in einer schroffen, beleidigenden Form. Das überraschte seine Gegner am runden Tisch, die von den Sowjets einen anderen Debattenstil gewöhnt sind. Sie gewannen den Eindruck, er höre ihnen sogar zu; selbst in seiner Härte lag eine gewisse Höflichkeit. Und der Eindruck verstärkte sich noch durch Tschen Yis umgängliches Auftreten außerhalb des Konferenzsaales. Anders als die Abgesandten des Kremls versuchte er immer wieder, mit den westlichen Delegierten ins Gespräch zu kommen. Sie trafen ihn auf fast jeder Cocktail-Party. Selbst der amerikanische Delegationsführer Averell Harriman ging ihm nicht aus dem Weg, wenn er ihm in den Wandelgängen des Völkerbundpalastes begegnete.

Tschen Yi ist zwar kein Intellektueller vom Schlage seines Freundes und "Vordermanres" Tschu En-lai. Er hat auch nicht ganz dessen Charme und diplomatisches Geschick. Er ist der robustere von beiden. Doch die Art, wie er die westlichen Vorschläge zurückweist, wie er Kritik an den Amerikanern übt, ist nicht barsch. Starrsinnig gibt er sich nur, wenn er seine Forderungen stellt und auf die Pekinger Vorschläge zu sprechen kommt. Da weicht der zweimal mit dem "Roten Stern" dekorierte ehemalige Partisanenanführer und treue Gefolgsmann Maos keinen Schritt zurück. Auch das fanden die westlichen Diplomaten bald heraus: Das Lächeln dieses Chinesen ist kein Barometer für seine Nachgiebigkeit. Keiner der westlichen Vorschläge zur Kontrolle der Neutralität in Laos hat bisher seine Billigung gefunden.