N. A., London, Mitte Juli

Zum erstenmal seit dem Fehlschlag des Suez-Abenteuers steht Englands konservative Regierung wieder vor ernsten Schwierigkeiten. Am weltpolitischen Horizont ziehen Gefahren herauf, bei deren Bewältigung Großbritannien keine führende Rolle mehr spielen kann. Die innenpolitische Szene ist von der dunklen Wolke einer Wirtschaftskrise überschattet, der schwersten seit zehn Jahren. Dieselbe Regierung, die ihre letzte Wahl mit dem Wohlstands-Schlagwort "Ihr habt es nie so gut gehabt" gewonnen hat, redet jetzt von Opfern und von Gürtel-enger-Schnallen; sie ist drauf und dran, dem Lande ein Sparsamkeitsprogramm aufzuerlegen, das an längst vergangene Labour-Zeiten erinnert, an Mr. Austerity persönlich: Sir Stafford Cripps. Aber damit hören die Schwierigkeiten noch keineswegs auf.

Innerhalb der Konservativen Partei schwelt die Unzufriedenheit. Der rechte Flügel frondiert gegen Macmillans Entschlossenheit, England in den Gemeinsamen Markt zu führen. In der ganzen Partei macht sich das nüchterne Gefühl breit, daß der Ministerpräsident die Zügel nicht mehr straff genug in der Hand habe und er für die Partei nicht mehr so nützlich sei wie zuvor. Zu guter Letzt aber hat sich der britischen Wählerschaft eine merkwürdige Stimmung bemächtigt: Scham ob des erreichten Wohlstandes mischt sich darin mit nervöser Sensibilität gegenüber den moralischen Kriterien der Politik.

Solche’ Perioden des konservativen Niederganges sind selten in England – und um so bedeutsamer, wenn sie tatsächlich eintreten. Zählt man zusammen, wieviel Jahre die beiden großen britischen Parteien in unserem Jahrhundert jeweils an der Macht gewesen sind, dann wird deutlich, daß die Briten eine konservative Regierung für die "normale" Regierung halten. Gelegentlich nur setzt sich das Gefühl durch, daß etwas nicht stimmt, und dann rufen die Wähler nach der Labour Party, wie man nach einem Krankenwagen oder nach der Feuerwehr ruft: um einem dringenden Notstand abzuhelfen. Ist es heute wieder soweit?

In den Wandelgängen von Westminster wird im Augenblick geraunt, daß die Sozialisten das Rennen machen würden, wenn jetzt Wahlen stattfänden. Das braucht nicht unbedingt zuzutreffen, und es mag bei dem erschreckten Gerede auch ein Gutteil Panik mit im Spiel sein. Soviel ist indessen sicher: Mit dem Hinweis auf seine verflossene außenpolitische showmanship, auf die weiße Pelzmütze und die Fahrt zu Chruschtschow, und mit der Parole, daß England es noch niemals so gut hatte, lockt Macmillan keinen mehr hinterm Ofen vor. Er langweilt nicht nur die Wähler, wenn er immer wieder damit kommt, er fängt auch an, seine eigene Partei zu langweilen.

Verschiedene Kräfte sind heute innerhalb der Konservativen Partei am Werke, die sich am Ende gegen den Premierminister verbünden könnten, wenn ihn die Wähler nicht schon vorher aus dem Amt drängen. Da ist einmal jener rechte Parteiflügel, der von der Gruppe der "Suez-Rebellen" abstammt, die 1957 gegen den Abzug der britischen Truppen opponierten. Diese Gruppe hat in den letzten Jahren immer mehr Zuzug erhalten, sie hat sich zugleich aber auch zu größerem Verantwortungsbewußtsein geläutert.

So sind viele der älteren Parteimitglieder der Ansicht, daß der Kolonialminister Macleod eine unkluge Politik verfolge. Sie und auch manche ihrer jüngeren Kollegen mit industriellen Interessen halten es für notwendig, die Rhodesische Föderation zu erhalten; sie fürchten, daß Macleod seine Partei einem frontalen Zusammenstoß mit Sir Roy Welensky entgegensteuert – einem Manne, der nach ihrer Meinung in Afrika der beste Freund der Konservativen sein müßte und ein Verbündeter gegen das Verwoerd-Regime in Südamerika. Auch daß die Macht in Kenia aus den Händen der weißen Farmer in die der Schwarzen übergehen und Jomo Kenyatta bald entlassen werden soll, erscheint dieser Gruppe überstürzt und gefährlich. In der Tat ist Macleod vor einiger Zeit zurückgepfiffen worden, nachdem über hundert konservative Abgeordnete ein kritisches Manifest gegen seinen Nordrhodesien-Plan unterzeichnet hatten. Seitdem ist der Kolonialminister kaum wiederzuerkennen.