Die Laudatio des Rektors der Universität Basel auf den scheidenden deutschen Philosophen

Ich brauche keine Biographie und keine Bibliographie zu studieren, um mich über Ihr Leben und Ihr Werk zu unterrichten. Denn als ich im Jahre 1912 als junger Student nach Heidelberg kam, um bei Alfred Weber zu promovieren, da hatten mich meine Münchner philosophischen Lehrer und Freunde schon auf Sie aufmerksam gemacht; der junge Psychiater, der sich eben als Dr. med. in der Philosophischen Fakultät habilitieren wollte, galt Scheler, Geiger, Pfänder als die große Hoffnung der Philosophie. Sie selbst haben sich von Lips wie von Husserl, von dem die Münchner herkamen und um den sie sich scharten, philosophisch scharf distanziert. Aber der Hinweis blieb für mich wichtig, und Ihre "Allgemeine Psychopathologie" von 1913 ist neben der Psychologie des Kindesalters des großen Kinderpsychiaters Homburger für mich die bestimmende und bleibende Einführung in ein Wissensgebiet geworden, das sonst nicht in der Richtung meiner eigenen Interessen lag. Als Sie 1916 Professor für Psychologie wurden, war ich im Feld. Aber manchmal sahen wir uns, wenn ich in Urlaub kam; denn seit dem Wintersemester 1913 verband uns und hielt uns in Abstand die sehr verschiedene Beziehung zu Max Weber.

"Sie waren ein Ärgernis"

Sie haben dem gewaltigen Menschen und umfassenden Gelehrten in mehreren Schriften ein Denkmal gesetzt, und noch diese Ihre letzte Vorlesung über "Die Chiffren der Transzendenz" hat davon gezeugt, wie Sie in dem Soziologen die philosophische Frage und Kraft bewundern und wie Sie die saubere Akribie, mit der Max Weber die Aufgabe der Wissenschaft als einen Prozeß der rationalen Entzauberung der Welt verstand und löste, als bleibendes Muster der wissenschaftlichen Haltung und der Lebensführung ansehen. Aber Sie haben es stets geachtet, daß der Schüler Alfred Webers durch die tieferen Blicke des jüngeren Bruders sich stärker berührt fühlte als durch die Kategorientafeln des älteren, und Sie haben die Kommunikation zwischen uns nicht dadurch abbrechen lassen, daß die Zugehörigkeit zum Kreis der Dichter-Freunde ein weites Gebiet jeder wissenschaftlichen und jeder philosophischen Diskussion entzog.

Bald nachdem ich mich in Heidelberg habilitiert hatte, haben Sie im Jahre 1921 als Professor der Philosophie die Ihrem Ingenium gemäße Stellung erhalten. Es gehört nicht hierher – aber Sie sollten einmal davon berichten –, mit welchen Schwierigkeiten sich dieser Ihr Aufstieg vollzog. Solange es Universitäten gab, und solange es dieses Namens würdige Bildungsstätten geben wird, ist es wohl immer so gewesen, daß diejenigen, die in sich die Idee der Universität verkörperten und verkörpern, den bloßen Fachvertretern ein Ärgernis sind. Und ein Ärgernis sind Sie gewesen. Aber die Studenten hatten früher, als das Ziel des Studiums noch nicht im Einpauken bloßen Examenswissens bestand und als es ehrenvoll war, der Schüler eines großen Lehrers zu sein, ein feines Gefühl für die Bedeutung gerade der Unzunftgemäßen. In dieser letzten großen Zeit von Heidelberg unterschieden sich daher die Studenten danach, ob sie "gundelten" oder ob sie "jasperten". Alfred Weber, der neben Gundolf und Ihnen einen großen Schülerkreis um sich sammelte, hatte in jenen Jahren, in denen man die Meisterung der deutschen Sprache noch wichtig nahm, keine Chance, mit seiner privaten, eruptiven, mit Fremdwörtern gespickten Art des Redens und Schreibens viel Nachfolge zu finden.

Ihre berühmten Vorlesungen von damals sind in Buchform erschienen. "Hölderlin, van Gogh, Strindberg" wird wohl zugleich mit Ihrem "Nietzsche" noch lange ein Muster bleiben, welchen Taktes es für den Psychiater bedarf, um die Krankheit schöpferischer Menschen zu erhellen, ohne ihre Schöpfung als Ausdruck der Krankheit mißzuverstehen. Ihre "Psychologie der Weltanschauungen" hat damals jung und alt angezogen: Marie Luise Gothein war nicht weniger davon begeistert als die jüngsten Studenten. Aber vielleicht würden Sie selbst von heute an sich Gundolfs Scherz zu eigen machen: "Psychologie" – Fragezeichen; "Weltanschauungen" – Fragezeichen; "Psychologie der Weltanschauungen" – drei Fragezeichen – In einem langen Leben bleibt es niemandem erspart, daß er an sich selbst erfährt, wie anscheinend Zeit verhaftetes über die Zeit hinaus seine Wirkung, behält und wie anderes vergeht, gerade darum, weil es mit vollem Gewicht in eine einmalige Situation hinein seine Wirkung getan hat.

Das kleine Göschen-Bändchen von 1931 "Die geistige Situation der Zeit" erscheint mir noch heute als der erste, starke Beweis, daß Sie sich nicht nur zu Max Weber bekennen, sondern daß Sie mehr als alle Soziologen sein eigentlicher, einstweilen sein einziger Erbe sind. Mit dieser. Analyse der geistigen Situation, unmittelbar vor der Machtübernahme durch die Verbrecher, haben Sie den Rahmen der Kathederphilosophie überschritten, haben sich zu jener staatlichen Verpflichtung bekannt, die seit Platon alle großen Philosophen als ihr eigentliches Anliegen empfunden haben und haben in der Nachfolge Max Webers in der Vereinigung geistiger und gesellschaftlichen Analyse die Ansatzpunkte aufgewiesen, von denen aus vielleicht noch konstruktive Politik das Unheil hätte aufhalten können. Aber wie Webers Warnungen, so sind auch die Ihren ins Leere gefallen. Sie haben, nachdem Ihr Hauptwerk "Philosophie" 1932 erschienen war, noch Ihren "Nietzsche" und Ihren "Descartes" veröffentlichen können. Aber als sich der lebendige Geist von Heidelberg in den pseudodeutschen Ungeist verwandelte, da haben auch Sie die Möglichkeit des Lehrens und Wirkens verloren, und nur einem gnädigen Geschick und mancher freundschaftlichen Hilfe ist es zu danken, daß Ihre Gattin und Sie die Jahre von Frevel und Mord überstanden haben.