Die tägliche Frage: Wie war die New Yorker Börse? ist zur Zeit abgelöst durch: Was machen heute die Ausländer? Dabei steht immer zur Debatte, ob sie verkaufen oder abwarten. An ein Neuengagement glaubt niemand, solange sich kein Kompromiß in der Berlin-Frage abzeichnet. Insofern hat sich die Börsensituation in den letzten Tagen kaum geändert. Dennoch macht die Börse einen widerstandsfähigeren Eindruck. Das aus dem Ausland zurückfließende Material ist merklich geringer geworden. Die erste große Verkaufswelle scheint also überstanden zu sein. Sie hat, wenn man großzügig rechnet, das Kursniveau deutscher Aktien seit dem Herbst um rund 20 vH gedrückt. Da mit dieser Senkung keine Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation in der Bundesrepublik einherging, sind selbst vorsichtige Experten der Meinung, daß in den heutigen Kursen eine gewisse Reserve steckt. Ob und wann sie mobilisiert werden kann, hängt allein von der Politik ab, denn die Gefahr schneller Währungsveränderungen (Pfund-Abwertung) sieht man zunächst als überwunden an.

So kommt es, daß in den Börsensälen zur Zeit mehr von der Politik als von den wirtschaftlichen Verhältnissen der einzelnen Unternehmen gesprochen wird. Wenn auch niemand eine Katastrophen-Lösung für wahrscheinlich hält, so fürchtet man doch eine Verschärfung des Nervenkrieges mit entsprechenden Rückwirkungen auf die ausländischen Anleger. Die Banken berichten übereinstimmend, daß es unter diesen Umständen nahezu unmöglich ist, mit der wertpapiersparenden Kundschaft Neuanlagen zu besprechen. Andererseits möchte in der gegenwärtigen Situation keiner die Verantwortung übernehmen, einem Kunden vom Verkauf seiner Aktien abzuhalten. Die Vielzahl kleiner Abgaben bei den Aktien veranschaulicht recht deutlich, daß bei manchem Aktionär der Geduldsfaden gerissen ist.

Nun heißt es zwar nach einer alten Börsenerfahrung: Wenn im Zuge einer Abwärtsbewegung die "kleinen Leute" zu verkaufen beginnen, dann ist die größte Gefahr vorüber! Aber wer garantiert, daß sie auch diesmal stimmt? Immerhin scheint es so zu sein, daß die Anlagestrategen großer Kapitalsammelstellen bereits auf der Käuferseite liegen. Sie operieren jedoch recht vorsichtig. Im eigenen Interesse, um sich nicht die Preise zu verderben. Außerdem strecken sie ihre Käufe über einen längeren Zeitraum. Auf diese Weise erzielen sie einen vernünftigen Mittelkurs. Den niedrigsten Kurs in der Baisse erwischen beim Kauf ohnehin nur wenige.

Die Auswahl ist heute groß. Um so sorgfältiger kann sie erfolgen. Interessant gehen nur Aktien solcher Gesellschaften, die sich auch im härteren Wettbewerb der nächsten Jahre behaupten können. Dabei stellt man sowohl steigende Kosten als auch die finanziellen Folgen vermehrter Rüstungsanstrengungen und Entwicklungshilfen in Rechnung. Unternehmen, die schon heute am Rande der Rentabilität segeln, haben nur noch geringe Kurschancen.

Der Rentenmarkt ist für die Großanleger ziemlich uninteressant geworden. Der beste Beweis dafür ist das unbefriedigende Zeichnungsergebnis der 5prozentigen Bundesbahn-Anleihe. Zu rund 60 vH ist sie bei den Konsortialbanken hängengeblieben. Die Bundesbank hat den Kreditinstituten einen Teil des Liquiditätsentzuges durch eine neue Mindestreservensenkung ersetzt, ohne damit an der allgemeinen Situation etwas ändern zu können. Der erste Ansturm auf den 5prozentigen Anleihe-Typ ist deshalb gescheitert. Versicherungen und andere Kapitalsammelstellen lassen die bei ihnen anfallenden Mittel in die zahlreichen Schuldscheindarlehen fließen, wo ihnen bessere Konditionen geboten werden. Für die wenigen Anleger ergibt sich jetzt die Frage: Kann man an den Renten noch am Kurs verdienen oder liegen die besseren Chancen jetzt auf dem Aktienmarkt? Noch hat das "Umsteigen" nicht eingesetzt. Es wird aber bereits diskutiert.

Kurt Wendt