Als sich die evangelischen Christen aus Ost und West 1951 zum 3. Kirchentag in Berlin trafen, saßen der Präsident der Volkskammer Johannes Dieckmann und der Bundestagspräsident Ehlers friedlich nebeneinander! Staatspräsident Pieck war zur Eröffnung gekommen; der Ostberliner Bürgermeister Ebert und der stellvertretende Ministerpräsident Nuschke nahmen teil – und das zwei Jahre nach der Luftbrücke! „Wir sind doch Brüder“ hieß das Motto damals.

Das ist zehn Jahre her. Noch 1954 versammelten sich 600 000 Menschen in Leipzig. Drei Jahre später mußte der Erfurter Kirchentag ausfallen, und 1959 dürfte nur eine beschränkte Anzahl „Delegierter“ aus der DDR nach München fahren. Der Kirchentag ist also auch ein Politikum, weil man in Pankow nur ein Politikum in ihm sieht. Das bekam sein Präsidium in diesem Winter abermals zu spüren, als der in Berlin unerwünschte Kirchentag nach Leipzig fortgelobt werden sollte. Wahrscheinlich, um mit der Aussperrung einiger Kirchenmänner (Dibelius, Lilje, Thielicke, Kunst) und einigen anderen Auflagen einen Ansatz zu finden, die Zwei-Staaten-Theorie durch eine Zwei-Kirchen-Theorie sanktionieren zu können.

Es hat über die Entscheidung, an Berlin festzuhalten, innerhalb der evangelischen Kirche Diskussionen gegeben, auch vor der Öffentlichkeit. Daß aber nicht Feigheit der Ratgeber war, sondern der Wille, zusammenzubleiben, zeigt die Mühe, die man sich gibt, den Kirchentag gleichermaßen in Ost- und Westberlin zusammenkommen zu lassen: Zehn gleichzeitige Eröffnungsgottesdienste und ebenso die sieben Arbeitsgruppen, viele Sonderveranstaltungen und die Gedenkfeiern am 20. Juli werden in diesen Tagen hier und dort stattfinden.

L.