G. S., Rostock, im Juli

Von Bäumen und Telegraphenmasten, von Wohnhäusern und Traktorenstationen von Rathäusern und FDJ-Klubhäusern wehten die Fahnen der Ostsee-Staaten. Sowjetdeutsche Ostsee-Woche: Die Friedensfreunde hatten die Ostsee über alle Tonnen geflaggt.

"Die Ostsee muß ein Meer des Friedens werden – darum her mit dem Friedensvertrag!" – "Der Friede muß den Krieg besiegen!" Die Sprücheklopfer-Brigaden hatten sich in nicht weiter verwunderlicher Einmütigkeit auf das eingestellt was Ulbricht ein paar Tage vor Eröffnung der Ostsee-Woche in der Volkskammer proklamiert hatte: den "Friedensplan des deutschen Volkes".

Eine finnische Reichstags-Delegation war der Einladung des "Komitees Ostsee-Woche" gefolgt. Es kamen Kommunisten aus Schweden und Dänemark. Gewerkschaftler aus Norwegen und "Friedensfreunde" sogar aus Island, denn die "DDR" zeigt sich in der Auslegung geographischer Begriffe nicht gerade kleinlich. Natürlich waren Delegationen aus Polen, der Sowjetunion und der Tschechoslowakei da, aber auch aus Ghana und der Himmel weiß, aus welchen Breiten dieser Erde. Sogar den Bundesbürgern hatte sich die Zonengrenze geöffnet. Die Stadtväter des schwedischen Trelleborg, dem Gegenpol der vielgepriesenen Fährverbindung von Saßnitz auf Rügen, sagten allerdings ab. "Wir hatten leider keine Zeit", bemerkte später ein Stadtverordneter mit Augenzwinkern.

Im vergangenen Jahr war das Renommierstück der Ostsee-Woche der langsam wachsende Rostocker Überseehafen. Hamburger Kommunal-Politiker hielten es damals für ratsam, gegen diese, wie sie meinten, einzig aus politischen Gründen aufgebaute Konkurrenz zu wettern. Sie hätten der deutschen Sowjetrepublik ruhig konzedieren können, daß sie aus wirtschaftlichen Gründen einen leistungsfähigen Hafen braucht, der ohnehin mit dem Welthafen Hamburg sieht konkurrieren kann. Im Jahre 1959 wurden in Hamburg 29,1 Millionen Tonnen Güter umgeschlagen, davon für die "DDR" 1,2 Millionen Tonnen. Im Monat April 1961 betrug der Umschlag der vereinigten Seehäfen der Zone 351600 Tonnen (Rostock-Überseehafen: 109 200 Tonnen), der Hamburger Umschlag 2,5 Millionen Tonnen.

In diesem Jahr war Thema Nummer 1 der Ulbrichtsche Friedensplan. Die deutschen Sowjetmenschen wetterten gegen die Atomwaffen der Hitler-Generale" – und die Skandinavier nahmen es hin. Die Friedensfreunde hüteten sich von den roten Raketen-Batterien, die rund um Berlin auffahren, zu sprechen. Die deutschen Kommunisten hatten keine Schwierigkeit, ihren Gästen dokumentarisch zu belegen daß noch immer Ex-Nazis in der Bundesrepublik amtieren und zu Gericht sitzen. Sie hüteten sich von ihrem auch auf der Ostsee-Woche mannigfach vertretenen SSD zu sprechen (dessen Mitglieder als Wirtschafts-Journalisten getarnt agierten) oder die Praktiken des Justizministers Hilde Benjamin zu erklären. Sie prangerten an, daß Bundeswehrsoldaten in Frankreich und England üben und üben wollen, ohne zu bemerken, daß die Fläche der Truppen-Übungsplatze in der "Deutschen Demokratischen Republik" etwa viermal so groß ist wie in der Bundesrepublik – pro Kopf der Bevölkerung.

Die Sowjetzone steht heute auf der Liste der Industriestaaten an fünfter Stelle. Wie wohl muß ihr die Illusion tun, von den Ostsee-Anliegerstaaten, wenn schon nicht offiziell anerkannt, so doch wenigstens als Handelspartner respektiert zu werden! Handelsbeziehungen – dies und nur dies ist es, was die von Grund auf gleichermaßen demokratischen wie nüchternen Skandinavier dazu veranlassen könnte, die Kontakte zur Ulbricht-Republik zu erweitern. Die propagandistischen Anbiederungsversuche der SED-Genossen stoßen bei den nicht-slawischen Ostsee-Anwohnern hingegen auf kühle, auf sehr kühle Ablehnung. Wenn der unbefangene Besucher auch den Eindruck haben mußte, daß sich während der Ostsee-Woche halb Skandinavien in der "DDR" versammelt hatte – in Gedser, in Malmö und Trelleborg sprach kein Mensch von den politischen Kraftakten der Ulbricht-Republik.

Als einige schwedische Reisende in der vergangenen Woche morgens um fünf Uhr mit sechs Autos auf das Reichsbahn-Fährschiff "Saßnitz" rollten, standen an Deck 40 oder 50 Menschen, die mit Ferngläsern und Kameras das verhältnismäßig triste Bild des Fährhafens Trelleborg einzufangen suchten. Nachts um 1 Uhr waren sie mit 550 anderen DDR-Bürgern in Saßnitz auf Rügen an Bord gegangen, um sich bis zum Morgen den Freuden einer Seefahrt hinzugeben. Vergebens hatten sie nach einem geöffneten Kiosk gesucht oder nach einem Wechselschalter und traurig festgestellt, daß jeder Passagier nur eine Packung amerikanischer Zigaretten kaufen durfte. Und das Fährschiff dürfen sie in Schweden nicht verlassen. Dieses Land darf man zwar ohne Visum, aber nur mit Paß betreten – und einen Paß bekommt natürlich nicht jeder x-beliebige Arbeiter oder Bauer.