Von Otto F. Beer

Anzüge von wahrhaft imponierenden Dimensionen trugen die Männer in den zwanziger Jahren. Die Hosen waren breit geschnitten, wie um zu zeigen: Der ganze Mann steht fest auf dem Boden. Die Rockaufschläge waren gleichfalls breit, glichen einem Brustpanzer. Und die Schultern wattierte man kräftig, stopfte so viel an Einlage in den Rock, als das arme, schwache Männchen gerade noch tragen konnte. Der Typ des He-Man (des betont männlichen "Er"-Mannes, den Clark .Gable als Leitbild von der Leinwand herunterstrahlte), entsprach den sportliebenden Typen, die Hemingway schilderte. Es war eine Zeit, die durch Kraft zu imponieren suchte. Nicht zufällig waren dies die Jahre, die Hitler zur Macht brachten. Der Glaube, daß Aggressivität schon das halbe Leben sei, wenn nicht das ganze, sprach aus den breiten Hosen und den wattierten Schultern jener Jahre. Übrigens: Jenseits des Eisernen Vorhangs trägt man dergleichen noch heute.

Wir aber sind indessen von der "Bescheidenheit" überkommen worden. Die Männer, die in breiten Hosen in die Panzerschlachten des Zweiten Weltkrieges gingen, sind gelegentlich ohne solche zurückgekommen. Hinterher zogen sie kleinere, engere; an. Sie waren nicht mehr so fest davon überzeugt, daß Aggressivität das beste Lebensrezept sei und daß in unserer Welt derjenige Sieger der am festesten dreinschlüge. Nein, es war höchste Zeit, die Watte aus den Schultern zu nehmen!

Der Glaube an die Macht des Draufgängertums hatte einen Knacks bekommen. Der Lebensstil änderte sich. Die grobe Kraftentfaltung hatte sich blamiert, man wollte es mit der Zurückhaltung versuchen. Man sprach von Kooperation, studierte mit Eifer demokratische Zusammenarbeit. Die Sieger – sobald sie nur einmal aufgehört hatten, die Sieger hervorzukehren – entpuppten sich gleichfalls, als ein Ausbund an Bescheidenheit.

Und wie sie sich kleideten! Die Hosen wurden immer enger – sie wollten nichts vortäuschen. Die vormals so mächtigen Rockaufschläge sind so schmal geworden, wie sie vormals breit gewesen waren. Die Watte ist von den Schultern verschwunden. Bald lernte man es auch bei uns: Wer sich teuer kleidete, der duldete überhaupt keine Einlage in seinem Anzug, der will den Rock möglichst nonchalant auf die Heldenbrust fallen lassen. (Und daß man sich etwa nicht teuer kleiden will, so weit geht im Zeichen der neuen. Prosperität die Bescheidenheit nicht.) Die Krawatten; vormals wahre Brustschilder, sind zu schmalen Bändchen zusammengeschrumpft. Schließlich begann man sogar, sie der Länge nach zu streifen, damit sie noch enger, noch dünner wirken sollen. Nur nichts auftragen, nichts vortäuschen. Die neue Mode soll durch ein Minimum an Verpackung auf die Hauptsache selbst hinweisen: auf den Mann, der sich ohne allen falschen Prunk als ein solider Artikel zu erweisen wünscht.

Die Athleten verschwanden nicht nur aus den Kleiderschränken, sondern auch aus dem Kunstleben. Die muskelbepackten Heroen eines Thorak räumten die Paradeplätze unserer Städte. Die unehelichen Kinder Henry Moores nahmen ihren Platz ein, dünne, langstielige Gebilde, ganz Geist und (langgezogene) Form. Die neuen männlichen Leitbilder des Films, besonders der neuen Welle, sind kleine, feminine Männer (Alain. Delon, Jean-Claude Brialy), resigniert, melancholisch, skeptisch, und Anti-Helden (Jean-Paul Belmondo). Theaterregisseure misteten den Fundus aus, ließen vor schwarzen Vorhängen spielen, vor magischen Quadraten und stilisierten Torbogen. (Dergleichen hatte es schon zur Zeit der seligen Expressionisten gegeben, aber damals ahnte noch niemand, wie man mit derlei Mitteln dem Publikum die eigene Bescheidenheit um die Ohren knallen konnte.) Aus dem Westen, woher die schmalen Hosen gekommen waren, stammt auch das Wort Understatement. Die Untertreibung begann zu exzidieren. Pointen, sofern sie jemandem einfallen, müssen unterspielt werden. Schauspieler begannen, den Faustmonolog zu sprechen, als läsen sie das Telefonbuch vor. (Nur in Deutschland vermochte man naiven Betrachtern einzureden, das alles habe Bert Brecht erfunden.)

Psychoanalytiker erklären uns heute, etwas dieser Art hätten sie immer schon erwartet. Auf die Aggression folge das Schuldgefühl – das sei schon dem seligen Ödipus so ergangen, aber erst heute vermöchte man es ihm wissenschaftlich zu erklären. Zuerst die große Haßentladung, dann die Selbstkastration – das sei doch ganz normal; was es denn da zu wundern gebe? Feinere Leute beziehen zwar vielleicht ihre Anzüge aus dem Westen, ihre Philosophie aber aus dem Osten (wenngleich auf dem Umwege über den Westen). Sie lesen dann vielleicht bei Lao-Tse, daß nichts auf der Welt stärker sei als das Wasser: Zwar gebe es jedem Druck nach, aber es unterhöhle die stärksten Gebirge. Dort lesen sie auch, alles was jung, sei, sei stark und nachgiebig, alles Alte starr und daher gebrechlich. Sie lesen’s und denken. "Aha!" Schon einmal beim Osten angelangt, hören sie wohl auch von Jiu-Jitsu: daß diese japanische Kampfweise nicht wie unser solides Raufen darin besteht, dem Gegner eine hineinzuhauen, sondern vielmehr dessen Kraft in eine Richtung zu lenken, in der sie sich zu seinen Ungunsten auswirkt. Der Angreifer plumpst dann in eine Falle – je fester er hindrosch, desto sicherer.

Das sind Weisheiten, nach denen unsere Zeit lechzt. Wenn wir schon mit den neuen Kleidern die Bescheidenheit angezogen haben, wollen wir doch auch etwas dabei profitieren. Was nützt uns unsere Unaufdringlichkeit, wenn niemand sie bemerkt? Wozu eine Demut, mit der wir niemand übers Ohr hauen können? Aber: Wir können! Wir haben die Tricks der neuen Einfachheit, das seelische Jiu-Jitsu des modernen Geschäftslebens, erlernt. Schlimmstenfalls wird man uns vielleicht dereinst nachsagen, daß unsere zur Schau getragene Bescheidenheit genauso falsch und gefährlich war wie die wattierten Schultern von Anno dreißig.