Mater et magistra

Rom, im Juli

Der von Gott losgetrennte Mensch wird unmenschlich ... Der grundlegende Irrtum der modernen Zeit besteht darin, das religiöse Bedürfnis als Ausdruck der Phantasie zu betrachten oder als zufälliges Produkt, das als anachronistisches Element und als Hindernis für den Fortschritt zu überwinden sei. Es wird in der Welt keinen sozialen Frieden geben, ehe die Menschen nicht zum Sinn ihrer Würde als Gottesgeschöpfe zurückkehren." Diese Sentenzen sind Ausgangspunkt und Ziel der sozialen Enzyklika des Papstes Johannes XXIII.

Das Rundschreiben – übrigens das umfangreichste, das je von einem Papst an die katholische Welt gerichtet wurde – ist die Fortsetzung der noch immer als gültig bekräftigten "unsterblichen" Lehrstücke der römischen Kirche über die soziale Frage: es folgt also der Enzyklika "Rerum novarum" von 1891 und "Quadragesimo anno" von 1931. Die neue Enzyklika beginnt im vatikan-amtlichen lateinischen Text mit den stolzen Worten: "Mater et magistra" (Mutter und Lehrmeisterin ... aller Völker ist die Kirche). Unter dieser Bezeichnung wird sie in die Annalen der katholischen Kirche und in die Geschichte der modernen Sozialpolitik eingehen.

Obwohl die Enzykliken nach wie vor nicht zum Dogma gehören und folglich Meinungsverschiedenheiten möglich bleiben, ist die christliche Soziallehre, wie der Papst in seiner Botschaft bei tont, ein integrierender Bestandteil der katholischen Weltanschauung. "Die Kirche hat", so mahnt er, "das Recht und die Pflicht, in die weltliche Ordnung einzugreifen, wenn es sich darum handelt, festzustellen, ob die kirchlichen Grundsätze im konkreten Fall gewahrt sind."

Die Enzyklika "Mater et magistra" ist als ein Ausbau der Leitsätze von 1891 und 1931 anzusehen: Die Wirtschaft ist nach Ansicht des Papstes nach wie vor eine Schöpfung der Initiative des Menschen als Individuum. "Wo die private Initiative fehlt, da herrscht Tyrannei." Der oberste Hirt der Kirche räumt jedoch ein, daß die modernen Formen des Zusammenlebens der Menschen die Einschaltung von Organisationen fordert. Eine Sozialisierung wirtschaftlicher Unternehmen wird daher nicht abgelehnt, wenn sie zur Erreichung gewisser sozialer Ziele unerläßlich ist, und wenn die sozialisierten Betriebe gegenüber dem Staat eigenständig bleiben.

Zum Problem des gerechten Lohnes meint die neue Enzyklika, daß bei Forderungen nach Erhöhung der Vergütung auf die finanzielle Lage der Unternehmen und auf das Gemeinwohl Rücksicht genommen werden muß. Dieses "einerseits und andererseits" ist charakteristisch für die katholische Soziallehre, die auf einen Ausgleich der wirtschaftlichen Interessen zielt, und in der Mater et magistra wird dieser Zug stark betont. Das entspricht dem sanften Stil Johannes XXIII.

Der Papst befürwortet eine breite Streuung des Eigentums. Der private Besitz, auch an den Produktionsmitteln, sei noch immer ein unverzichtbares Element der gesellschaftlichen Ordnung; es stärke die innere Unabhängigkeit des Menschen. Daher empfiehlt der Papst eine Beteiligung der Arbeiter an ihren Betrieben, etwa durch die Ausgabe von Anteilpapieren (Volksaktien) – zweifellos eine, wenn auch unausgesprochene Anerkennung der Sozialpolitik der deutschen Bundesregierung.

Mater et magistra

"Die soziale Gerechtigkeit hängt auch von den Beziehungen zwischen den verschiedenen Wirtschaftszweigen eines Landes ab." Von dieser Einsicht ausgehend, unternimmt der Papst schließlich einen Exkurs in die Wirtschaftspolitik. Das dürfte Widerspruch wecken. Denn hier wird der Nachteil deutlich, daß die Berater des Papstes in der entscheidenden Phase der Ausarbeitung der Enzyklika, die fast zehn Monate in Anspruch nahm, fast ausschließlich italienische Geistliche unter der Leitung eines hohen italienischen Prälaten des Heiligen Offiziums waren. Es ist eine italienische Sicht, die sich bemerkbar macht – besonders stark im Kapitel über die Landwirtschaft. Ihr gilt freilich die Hauptsorge des Papstes, der selber aus einem norditalienischen Dorf stammt und die Probleme der Landmenschen kennt. Um der Landwirtschaft zu helfen, die in Italien im Unterschied zur Industrie eine tiefe Krise durchmacht, und um die Massenlandflucht einzudämmen – ebenfalls ein akutes italienisches Phänomen – werden wirtschaftspolitische Rezepte empfohlen, die einer allzu vereinfachten Vorstellung entlehnt zu sein scheinen. Da ist vom Ausbau von Schulen auf dem Land die Rede, von besserer Versorgung mit Trinkwasser und von notwendiger Gewährung billiger Kredite,

Vor allem aber handelt die Enzyklika von der weltweiten Gleichgewichtsstörung zwischen den hochentwickelten und unterentwickelten Ländern. Dieses Problem bezeichnet der Papst als das vielleicht größte unserer Zeit. Um der Gerechtigkeit und der Sicherung des Weltfriedens willen müsse die Hilfe für die notleidenden Länder mit größter politischer Uneigennützigkeit geleistet werden. Einer internationalen Zusammenarbeit im Weltmaßstab stehe jedoch ein Mißtrauen im Wege, das letztlich auf die Unterdrückung einer moralischen Ordnung in einigen Ländern zurückzuführen sei. Unausgesprochen wird damit das kommunistische Herrschaftssystem getadelt.

Ob die "Mater et magistra" die Ausstrahlungskraft jener Enzykliken haben wird, die ihr vorausgingen, kann man heute noch nicht sagen. Eines ist jedoch sicher: daß man sie nicht einfach als einen "unwirksamen Aufguß eines traditionellen patriarchalischen Strebens nach sozialem Ausgleich" abtun kann, wie dies die ersten kritischen Stimmen italienischer Linksradikaler versuchen. Azio de Franciscis