"Die soziale Gerechtigkeit hängt auch von den Beziehungen zwischen den verschiedenen Wirtschaftszweigen eines Landes ab." Von dieser Einsicht ausgehend, unternimmt der Papst schließlich einen Exkurs in die Wirtschaftspolitik. Das dürfte Widerspruch wecken. Denn hier wird der Nachteil deutlich, daß die Berater des Papstes in der entscheidenden Phase der Ausarbeitung der Enzyklika, die fast zehn Monate in Anspruch nahm, fast ausschließlich italienische Geistliche unter der Leitung eines hohen italienischen Prälaten des Heiligen Offiziums waren. Es ist eine italienische Sicht, die sich bemerkbar macht – besonders stark im Kapitel über die Landwirtschaft. Ihr gilt freilich die Hauptsorge des Papstes, der selber aus einem norditalienischen Dorf stammt und die Probleme der Landmenschen kennt. Um der Landwirtschaft zu helfen, die in Italien im Unterschied zur Industrie eine tiefe Krise durchmacht, und um die Massenlandflucht einzudämmen – ebenfalls ein akutes italienisches Phänomen – werden wirtschaftspolitische Rezepte empfohlen, die einer allzu vereinfachten Vorstellung entlehnt zu sein scheinen. Da ist vom Ausbau von Schulen auf dem Land die Rede, von besserer Versorgung mit Trinkwasser und von notwendiger Gewährung billiger Kredite,

Vor allem aber handelt die Enzyklika von der weltweiten Gleichgewichtsstörung zwischen den hochentwickelten und unterentwickelten Ländern. Dieses Problem bezeichnet der Papst als das vielleicht größte unserer Zeit. Um der Gerechtigkeit und der Sicherung des Weltfriedens willen müsse die Hilfe für die notleidenden Länder mit größter politischer Uneigennützigkeit geleistet werden. Einer internationalen Zusammenarbeit im Weltmaßstab stehe jedoch ein Mißtrauen im Wege, das letztlich auf die Unterdrückung einer moralischen Ordnung in einigen Ländern zurückzuführen sei. Unausgesprochen wird damit das kommunistische Herrschaftssystem getadelt.

Ob die "Mater et magistra" die Ausstrahlungskraft jener Enzykliken haben wird, die ihr vorausgingen, kann man heute noch nicht sagen. Eines ist jedoch sicher: daß man sie nicht einfach als einen "unwirksamen Aufguß eines traditionellen patriarchalischen Strebens nach sozialem Ausgleich" abtun kann, wie dies die ersten kritischen Stimmen italienischer Linksradikaler versuchen. Azio de Franciscis