Piero della Francesca (um 1420-1492):

Auferstehung Christi

Ein Kunstfreund kann leichter sein Lieblingsbild nennen als der Kunsthistoriker von Profession, der es nicht gewohnt ist, subjektiv bedingte Eindrücke vor anderen und vor sich selbst zu verantworten. Sein Urteil bleibt eine Zufallsentscheidung. Er kann nur bezeugen, wo ihm "das Herz stille steht".

Im Städtchen Borgo San Sepolcro, seinem Geburtsort, hat Piero della Francesca eine Auferstehung Christi gemalt. Steht man unvermutet im Rathaus davor, so denkt man nicht an die Kunst, sondern an das Wunder. Eine unglaubhafte Begebenheit bekommt hier einen Grad von Überzeugungskraft, den keine Predigt, nicht einmal der Bericht der Bibel zu bewirken vermag. Dieser geheiligte Mensch ist wahrhaftig auferstanden, das Wunder der Malerei macht jeden Zweifel zunichte.

Alles ist anders als auf den meisten Darstellungen des gleichen Themas. Der Auferstandene zeigt sich weder in einer überirdischen Glorie, noch schwebt er empor, mit triumphierender Geste die Siegesfahne schwingend. Er ist einfach da in schlichter, edler, menschlicher Gestalt, sehr erdfest ist das linke Bein auf den Sarkophag gestellt, mit der Rechten stützt er sich auf den Fahnenstock. Die Kriegsknechte zu seinen Füßen sind nicht erschrocken erwacht, sondern verharren in betörtem Tiefschlaf. Das Wunder vollzieht sich nicht vor ihren menschlichen Augen, sondern in einer anderen Welt.

Die Komposition macht auf den ersten Blick einen streng symmetrischen Eindruck, und in der Tat steht die Gestalt Christi genau im Mittelpunkt des Bildes. Die strahlenden, weit geöffneten, faszinierend undurchdringlichen Augen und die strenge Senkrechte, durchgezogen vom Scheitel bis zum Nabel, fixieren diese Mitte deutlich. Alles übrige ist asymmetrisch angeordnet, jedoch so, daß trotzdem eine vollendete Ausgewogenheit beider Bildhälften erreicht ist, sowohl in der Landschaft als auch in den Figuren. Das im einzelnen betrachtend nachzuvollziehen, gewährt jenen beglückenden Genuß, den nur Kunstwerke höchsten Ranges zu vermitteln verstehen. Nichts könnte im geringsten verrückt werden, ohne das harmonische Gefüge zu stören. Die flankierenden Bäume, dichter links, rechts durch die Fahne in ihrem Gewicht verstärkt, die horizontale Hügellinie in Hebung und Senkung genau auf die Vertikalen bezogen, erhöhen die majestätische Ruhe der oberen Bildhälfte.

Die vier Wächter unten ordnen sich bei völlig divergierenden Ansichten – Rechtsprofil, Vorderansicht, Linksprofil, Rückenansicht – zu einer in sich bewegten und doch durch ihre verschränkte Silhouette geschlossenen Sockelzone, hart begrenzt von der scharfen Abschlußlinie des marmornen Sarkophages und doch links aufgelockert durch zwei sie überschneidende Köpfe.