New Delhi, im Juli

Der Besuch des pakistanischen Staatschefs Ayub Khan in Washington hat eine sehr unfreundliche indopakistanische Pressekampagne ausgelöst, deren Tenor auf beiden Seiten an jene Jahre gehässiger Bruderfehde erinnert, die man seit geraumer Zeit überwunden wähnte.

In der zweieinhalbjährigen Regierungsära des pakistanischen Feldmarschalls hatten sich die ursprünglich äußerst gespannten Beziehungen zwischen den beiden Nachbarstaaten auf dem indischen Subkontinent wesentlich verbessert. Schritt um Schritt waren die alten Streitfragen durch Grenzberichtigungen und eine großzügige Regelung der Wasserverteilung des Indus gelöst worden, und es schien so, als seien jetzt beide Nationen bereit, die noch weiter bestehenden Gegensätze geringer zu bewerten als das Verbindende ihrer jahrhundertelangen gemeinsamen Geschichte.

Parallel zu dieser Entwicklung – und im Zusammenhang mit ihr – vollzog sich eine Annäherung zwischen Indien und den USA. Der alte indo-pakistanische Bruderzwist war besonders verschärft worden, als die Amerikaner 1954 den Pakistanern Militärhilfe gewährten. In Indien empfand man jene Hilfe als direkte Unterstützung der "aggressiven" pakistanischen Politik, als provozierende Stärkung einer blockgebundenen Nation gegenüber ihrem neutralen Nachbarn. Erst nach der Suez- und Ungarnkrise und der persönlichen Begegnung zwischen Nehru und Eisenhower Ende 1956 faßten die Inder Vertrauen in die friedlichen Ziele der amerikanischen Politik. Im gleichen Maße wurde auch ihr Mißtrauen gegen den pakistanischen Verbündeten der USA abgebaut.

Als dann 1959 die Rotchinesen Tibet überfielen und offenen Anspruch auf über hunderttausend Quadratkilometer indisches Hoheitsgebiet erhoben, bereiteten die Inder dem amerikanischen Präsidenten den triumphalsten Empfang, den dieses Land und den Eisenhower je erlebt hat. Damals begann auch die Lösung indo-pakistanischer Streitfragen. Zwar weigerten sich die Inder, mit Pakistan eine Verteidigungsallianz zum Schutz des Subkontinents abzuschließen, und bei einem Besuch Nehrus in Pakistan 1960 wurden auch keine Fortschritte in der Beilegung des Kaschmirkonfliktes erzielt, aber die alte gehässige Fehde brach erst jetzt als schrille Begleitmusik zu Ayub Khans Amerikareise wieder aus.

Ayub Khan selber stimmte den Tenor in mehreren Erklärungen, in denen er die Amerikaner davor warnte, Indien zu sehr zu stärken, weil dadurch Pakistan und andere Nachbarn Indiens gefährdet würden, ja vielleicht der eine oder andere dieserhalb sogar den Schutz des kommunistischen Chinas suchen könnte. Die indischen Zeitungen stimmten ähnliche Töne an, nur mit umgekehrten Vorzeichen: Sie befürchteten, Ayub Khan könne eine solche Erhöhung der amerikanischen Militärhilfe für Pakistan in Washington "erpressen", daß Indien gezwungen sei, die Rüstungsausgaben so stark zu steigern, daß jeder Nutzeffekt der amerikanischen Wirtschaftshilfe verpuffe.

Die Vergangenheit – der blutige Bruderkampf zwischen Hindus und Mohammedanern – ist also trotz aller inzwischen geschlagenen Brücken noch immer nicht völlig "bewältigt" worden. Die Schatten jener Ereignisse von 1947 geistern von Zeit zu Zeit auch durch die Innenpolitik beider Staaten, in denen immer wieder auch blutige Auseinandersetzungen zwischen den Religionsgemeinschaften aufflackern.