Das laufende Jahr bietet den Verehrern des Künstlers und Menschen Franz Liszt zwei besondere Gedenkanlässe: Am 31. Juli ist sein 75. Todestag, am 22. Oktober sein 150. Geburtstag. Konjunkturgerecht erscheint dazu eine neue, umfassende Monographie –

Paula Rehberg und Gerhard Nestler: "Franz Liszt – Die Geschichte seines Lebens, Schaffens und Wirkens"; Artemis Verlag, Zürich/Stuttgart; 730 S., 34,– DM.

Das Ehepaar Walter und Paula Rehberg hat im gleichen Rahmen und in gleicher Ausstattung bereits vier Musiker-Biographien (Schubert, Schumann, Brahms, Chopin) in Gemeinschaftsarbeit publiziert und sich damit wohlverdiente Anerkennung erworben. Für das fünfte Unternehmen dieser Art mußte sich die Witwe des 1957 verstorbenen Pianisten und Pädagogen einem anderen Mitarbeiter verbinden. Sie fand ihn in dem Direktor der Badischen Hochschule für Musik in Karlsruhe, Dr. Gerhard Nestler, der sich des theoretischen, werkanalytischen zweiten Teils annahm.

Dieser Teil ist aus verschiedenen Gründen der wichtigere. Nämlich: was die menschliche Persönlichkeit des Meisters, seinen äußeren Lebensgang und seine künstlerische Entwicklung betrifft, so kann deren Darstellung heute, vor allem seit Peter Raabes grundlegendem Quellenwerk, keine Überraschungen mehr bringen. Daß hier oder da ein bisher unbeachtetes oder nicht hinreichend gewertetes Dokument herangezogen wird, ist erfreulich, aber nicht von umwälzender Bedeutung. Das Charakterbild des großen Mannes, dessen imponierende und gewinnende, andererseits auch dämonische und – eben, Gott sei Dank! – "menschliche" Züge kaum jemals verkannt worden sind, bleibt so bestehen, wie es längst in die Kulturgeschichte eingegangen ist und gebührende Hochschätzung, ja Liebe gefunden hat.

Eine andere Sache ist es mit der Frage nach Liszts schöpferischem Range. Eine solche Frage gibt es nämlich, und über ihre Beantwortung herrscht unter den berufensten Sachkennern bis heute keine Einigkeit. Zu seinen Lebzeiten war der Komponist Liszt für die Brahmsianer das rote Tuch, für die "Zukunftsmusiker" ein Halbgott. Seitdem dieser Parteienstreit verklungen ist, gibt es zwar eine überzeugte Liszt-Gemeinde (sie ist nicht sehr groß und hat ihre treuesten Mitglieder unter den Klaviervirtuosen), aber im übrigen rangiert platonischer Respekt den Meister unter die Sterne zweiter oder gar dritter Größe.

Es ist bezeichnend, daß, wie der Name Liszt schon seinen Zeitgenossen eine "Parole", einen Aufruf zum "Fortschritt" bedeutete, so auch die neueren Versuche, seinen damaligen Glanz aufzufrischen, stets im Namen des Fortschrittsglaubens erfolgten. Zuletzt wurde er in diesem Sinne von Béla Bartók in Anspruch genommen. Wobei vergessen (oder nicht beachtet, nicht begriffen) wurde, daß in der Kunst der "Fortschritt" – sofern es ihn gibt – auf die Dauer gar nicht zählt, sondern lediglich das künstlerische Gewicht. Was ja auch auf Bartók zutrifft. Mit dem Unterschied, daß Bartóks Lebenswerk seine "Fortschrittlichkeit" überdauert hat...

An diesen Fragenkomplex setzt der Mitautor Nestler seinen Hebel an. Und er hat nun wirklich neues Sachmaterial vorzulegen: gewisse Spätwerke, welche zum Teil erst durch drei Publikationen der englischen Lisztgesellschaft 1950 und 1957 sowie durch die sowjetische Lisztausgabe von 1952 zugänglich gemacht wurden. Abweichend von Peter Raabe, der – sogar er, der Liszt-Fanatiker! – dem Lisztschen Spätschaffen schöpferische Ermattung nachgesagt hatte, versucht nun Nestler mit beredsamen Worten und instruktiven Notenbeispielen, die Zukunftsträchtigkeit dieser letzten Alterswerke nachzuweisen.