Mit leichtem Unbehagen lasen wir in der "New York Times", daß der schnabelköpfige Delphin, der playboy des Ozeans, über einen Verstand verfügt, der dem des Menschen ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen ist. Der Gehirnkasten der Delphine sei derart geräumig, daß er zu den schönsten Hoffnungen berechtigt.

Durch diese Mitteilung alarmiert, strengten wir unseren Verstand gehörig an und studierten das Gutachten, das Dr. John C. Lilly im Auftrage des amerikanischen Marine-Forschungsinstituts angefertigt hat. Dieser emsige Nervenspezialist hat im Laufe der letzten Jahre Dutzende von Delphinen auf ihren Verstand hin geprüft, indem er Elektroden in ihre Gehirne placierte. Das Ergebnis nennt Dr. Lilly höchst befriedigend. Delphine seien fähig, englische Worte nachzuahmen und sich dieselben einzuprägen. "Mit ein wenig Geduld", so bemerkt der Spezialist, "wird es uns gelingen, mit Delphinen zu sprechen!"

Die Aussicht ist faszinierend. Wer möchte nicht gerne mit einem Delphin, etwa dem Tümmler oder einem ausgewachsenen Schwertwal, ein Plauderstündchen verbringen? Zwar beschränken sich Dr. Lillys Untersuchungen auf die englische Sprache, doch ist durchaus nicht einzusehen, warum Tümmler nicht auch chinesisch reden oder sächsisch erlernen könnten. Man muß nur Geduld mit ihnen haben und die Worte eindringlich wiederholen. Schließlich gibt es genügend Menschen, deren Verstand viel zu wünschen übrigläßt, und die trotzdem ihre Muttersprache vorzüglich beherrschen. Ob die Berlitz-Methode für Delphine geeignet ist, das praktische Verfahren "Lernt Englisch im Londoner Rundfunk" oder gar ein Schnellkursus von Schallplatten, ist dabei unerheblich. Hauptsache, man dressiert die gelehrigen Warmblütler, genau hinzuhören – eine Tugend, die sie laut Dr. Lilly in hervorragendem Maße besitzen. Auch in dieser, Hinsicht unterscheiden sie sich vorteilhaft von gewissen Zeitgenossen, die, ohne zuzuhören, stets ihre Sprüche abraspeln.

Da der Mensch dem Fortschritt huldigt und sein Wissen gern an andere, weniger glückliche Lebewesen weitergibt, ist es denkbar, daß in absehbarer Zeit, ein Lehrplan für Delphine eingeführt werden wird. Haben die Tümmler sich erst einmal als Abc-Schützen bewährt, so dürfte es für sie ein leichtes sein, Syntax, Deklination und unregelmäßige Zeitwörter zu erlernen. Ja, man ist versucht, zu glauben, daß sie sich als glänzende Stilisten erweisen konnten. Denn schließlich ist ihre Gehirnkapazität bedeutend, und ihre Intelligenz keineswegs verbraucht.

Wer weiß, ob wir nicht nach einigen Jahren Delphine auf Rednertribünen erblicken werden, forensische Künstler, die uns mit Sätzen überraschen, wie "Es ist mir ein inneres Anlagen in dieser Stunde zu erklären, daß noch nicht aller Tage Abend ist", oder "Es ist wirklich traurig zu sehen, wie gewisse Leute, die ein Brett vor dem Kopf haben, ihr Mäntelchen nach dem Winde hängen, und sich dabei mit fremden Federn schmücken". Denn wenn die Tümmler und ihre Vettern auch über enorme Gehirne verfügen, so viel Verstand besitzen sie sicherlich nicht, Phrasen von vernünftigen Sätzen zu unterscheiden.

Wir bezweifeln daher, ob es tatsächlich eine so gute Idee ist, Dr. Lillys Vorschlag aufzugreifen, und die Delphine in Englisch, Russisch oder Latein zu unterrichten. Denn ein Tümmler, der statt heiter in die Luft zu schnellen, gesittet auf einem Sofa hockt und auf münchnerisch "nix gwiß woaß ma net" lispelt, ist ein allzu zivilisierter Delphin. Was dabei herauskommt, davon können jene Affen, die nicht mehr auf den Bäumen hocken, ein Liedchen singen.

Robert von Berg