Zu spät", rief der Amateur-Opponent Erich Nold – nicht ohne Triumph – in den gut besuchten Saal der Hauptversammlung der Rheinischen Stahlwerke in Essen, als der Aufsichtsratsvorsitzende, Dr. Ludwig Holle, noch vor Eintritt in die Tagesordnung eine einstweilige Verfügung des Essener Amtsgerichts verlas, die eine von Nold inszenierte Plakat-Aktion gegen die Rheinstahl-Verwaltung verbot. "Spät" kam diese Verfügung in der Tat; denn bereits am Tage vor der Hauptversammlung prangten die Noldschen Plakate an Essener Litfaßsäulen, und auch vor Beginn der Veranstaltung selbst erwartete die zur "Lichtburg" strömenden Aktionäre ein Plakatträger, dessen beklebte Breitseiten ebenfalls in großen Lettern dem Vorstand der Rheinischen Stahlwerke – und vorwiegend sogar dem Vorstandsvorsitzenden persönlich – "Geheimniskrämerei", "Millionenbezüge", "Maßlosigkeit" und anderes mehr vorwarfen. Dr. Holle wies auf das schärfste zurück, daß "Dinge unserer Gesellschaft auf die Straße getragen" würden, insbesondere wandte er sich gegen die "persönliche Diffamierung" des Vorstandsvorsitzenden Werner Söhngen. Die von Nold "bekrittelten Beschlüsse seien von dem zehnköpfigen Vorstand einmütig gefaßt und ebenso einstimmig auch durch den 21köpfigen Aufsichtsrat jeweils gebilligt worden", erklärte Dr. Holle. Erich Nold räumte ein, daß diese Plakataktion "nicht der seriöseste Weg sei" für eine Opposition, aber: "Was blieb mir denn übrig, als die Flucht in die Öffentlichkeit!" Auch andere Kleinaktionäre schlossen sich der Noldschen Opposition an – soweit es sich um den sachlichen Teil seines Auftritts handelte, versteht sich. Das Kernstück der recht scharfen Auseinandersetzung zwischen Verwaltung und Aktionären bildeten nochmals die Paketverkäufe der Rheinischen Stahlwerke in Dynamit-Nobel- und Handelsunion-Aktien. Es waren im Grunde die gleichen Fragen, die auch im Vorjahr gestellt worden waren (erweitert jetzt um die Handelsunion-Transaktion) und ziemlich genau um die gleichen Antworten: Die Aktionäre wollten wissen, wann, an wen und zu welchem Preis das Handelsunion-Paket aus dem Rheinstahl-Portefeuille verkauft worden ist Für die Verwaltung berief sich wiederum Vorstandsvorsitzender Söhngen darauf, vertraglich zum Schweigen verpflichtet zu sein. Ein Appell des Vertreters der Schutzvereinigung, Rechtsanwalt Koppenberg, an die Versammlung, den "Anspruch auf Rechenschaftslegung nicht heute geltend zu machen", weil die Rheinstahl-Verwaltung in einer so schwierigen Lage sei, wirkte keineswegs besänftigend.

Besonders prononciert griff der Düsseldorfer Kleinaktionär Georg Wilhelm Engler in die Debatte ein. Er konnte durchaus Teilerfolge für sich buchen. U. a. gab die Verwaltung die Bezüge von Rheinstahl-Vorstandsmitgliedern für Aufsichtsratsmandate im Konzernbereich mit insgesamt 400 000 DM an. Außerdem bejahte Solinger auf eine entsprechende Frage das Bestehen eines sogenannten Poolvertrages mit dem Münchener Bankhaus Merck, Finck & Co., der noch aus den Tagen stammt, als beide Partner an der Gußstahlwerk Witten AG mit etwa dem gleichen Einfluß beteiligt waren. Der Rheinstahl-Vorstand betonte jedoch, daß dieser Poolvertrag mit der Mehrheitsübernahme durch den Essener Konzern (der seinen "Zuerwerb pflichtgemäß mit dem Partner besprochen habe") der "veränderten Situation angepaßt" worden wäre. Aber in Sachen Handelsunion ging die Rheinstahl-Verwaltung nicht einen Schritt über ihr früheres Limit hinaus; es blieb bei den schon vor der Presse betonten "guten Gründen" für das hartnäckige Schweigen. Engler gab Protest zu Protokoll. Wie inzwischen bekannt wird, beabsichtigt er nunmehr, im Wege der Auskunftklage die gewünschten Daten über die Handelsunion-Transaktion zu erlangen.

Die Abstimmungsergebnisse standen in Widerspruch zu der lebhaften Opposition dieser Hauptversammlung. Obwohl gerade die scharfen Kritiker häufig "Szenenapplaus" erhielten, blieb die Resonanz in der Beschlußfassung nahezu aus. Die Gegenstimmen waren dünn gesät, und so konnte die Rheinstahl-Verwaltung dennoch mit gutem Erfolg die diesjährige Veranstaltung beenden.

Vorstandsvorsitzender Dipl.-Kfm. Werner Söhngen hatte vor Eintritt in die Tagesordnung erklärt, die Verwaltung habe mit dem Dividendenvorschlag von 14 vH bekunden wollen, daß sie sich grundsätzlich zu einer konjunkturabhängigen Ausschüttung bekenne. Jedoch müßten die Aktionäre darum auch Verständnis zeigen, wenn einmal bei rückläufiger Geschäftsentwicklung und einer damit verbundenen Verminderung der Erträge eine Herabsetzung der Dividende erforderlich werden sollte. In diesem Zusammenhang gab Söhngen die erfreuliche Versicherung ab, daß dies im laufenden Geschäftsjahr sicherlich noch nicht der Fall sein wird. Bis einschließlich Mai lagen die Konzernumsätze um mehr als 8 vH nochmals über den Monatsdurchschnittszahlen des Berichtsjahres. I. N.