Von Robert Jungk

Merkwürdig,daß in einer Zeit, da die Streuung des volkswirtschaftlichen Reichtums allüberall verlangt wird, noch nie der Ruf nach einer gerechteren Verteilung des Reichtums an Kunstwerken erhoben worden ist! Es sind seit dem Ende des Zweiten ten Weltkrieges allein in Europa bereits über achtzig neue Städte gegründet worden. Wenn jede dieser neuen Siedlungen nur ein Dutzend Statuen, Vasen, Wandmalereien als langfristige Leihgabe erhielte – welch ein Gewinn wäre das!

* Vielleicht könnte man einen ersten Schritt in dieser Richtung wenigstens durch die Leerung der Museumskeller machen. Die wenigsten der Hunderttausende, die in diesen Ferienmonaten durch die Sammlungen streifen, ahnen, daß in den Lagerräumen der meisten Museen oft ebensoviel, ja meist ein Mehrfaches von dem gelagert ist, was man der Öffentlichkeit zeigt. Weshalb nicht diese verbannten Schönheiten aus ihren Verliesen befreien, sie hinausschicken in die Welt? Gewiß, jene "Gefangenenwärter", die sich Konservatoren nennen, werden in den meisten Fällen "Ach" und "Weh" schreien. Sie werden geltend machen, daß die eingekerkerten Kunstwerke gepflegt und geschützt werden müssen. Aber für wen eigentlich, wenn man sie doch nie zu sehen bekommt?

*

Einen vernünftigen Schritt in eine neue Richtung scheint mir da der Pariser Louvre gewagt zu haben. Seit einigen Wochen hat er dreiunddreißig seiner schönsten Landschaftsgemälde vom 18. bis zum 20. Jahrhundert in der Kantine einer groben Autofabrik bei Paris ausgestellt. Die Initiative fand den Beifall der ganzen Belegschaft. Viele Arbeiter sahen bei dieser Gelegenheit zum erstenmal ein Originalgemälde. Auch das gehört ja noch zum Erbe eines anderen Jahrhunderts: ins Museum trauen sich bei uns im Westen viele Arbeiter nicht. Das Museum – und es geht der Buchhandlung nicht viel anders – wird in Arbeiterkreisen eben häufig noch als "Reservat der Bourgeois" betrachtet.

Damit diese Scheu überwunden wird, müßten die Museen nicht nur Ausstellungsorte sein, sondern Treffpunkte, Bildungszentren. So etwas wird jetzt in dem jüngst eröffneten Museum von Le Havre versucht, das mit Vortragssälen, Filmprojektoren, ja sogar Arbeitsräumen für angehende Künstler ausgestattet ist.

Der Einwand liegt nahe, daß wir zur Zeit ernstere Zukunftssorgen hätten als eine SS Museumsreform. Ich halte ihn aber für recht oberflächlich. Denn wenn es der modernen Industriegesellschaft nicht gelingt, in ihren Mitgliedern einen lebendigen Sinn für das kulturelle Erbe zu wecken, wenn sie ihnen nicht vor Augen halten kann, wozu der Mensch im Guten, im Besten fähig ist, dann wird das schleichende Leiden der Apathie und der Resignation weiter um sich greifen. Was wird denn dann eigentlich noch geschützt und verteidigt?