Rosa Wölkchen um ein Standbild – Seite 1

Von Hans Mayer

Laß dein Lächeln, laß dein Flennen, sag uns ohne Hinterlist, wann Hans Sachs das Licht erblickte, Weckerlin gestorben ist.

Ein Xenion Karl Immermanns, gerichtet gegen den Literaturhistoriker Franz Horn, der in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts eine "Geschichte und Kritik der Poesie und Beredsamkeit der Deutschen von Luthers Zeit bis zur Gegenwart" veröffentlicht hatte. Die Überschrift hieß: "Der poetische Literator." Heine war von dieser kleinen Bosheit und den anderen Xenien Immermanns so begeistert, zumal auch er den Franz Horn nicht ausstehen konnte, daß er den Spruch in seinen "Reisebildern" zitierte und erklärte, er werde ihn "gern als meine eigene Gesinnung vertreten".

In der Geschichte der deutschen Literaturwissenschaft gab es nicht selten Anlaß, das Epigramm vom poetischen Literator "aus gegebenem Anlaß" von neuem zu zitieren. Als die Götzenbildnerei, für die Stefan George innerhalb der deutschen Germanistik eine eigene Werkstatt eingerichtet hatte, auf dem Höhepunkt ihrer Wirksamkeit war, mochte man oft an Immermann und Franz Horn denken. Im letzten Jahrzehnt bestand dazu weniger Anlaß. Was immer man auch der heutigen deutschen Germanistik vorwerfen mochte: ihr Streben ging glücklicherweise seit langem nicht mehr dahin, schlechte poetische Prosa aus Anlaß von wirklicher Dichtung und statt exakter Textanalysen zu bieten.

Es ist aber wieder einmal ein Nachzügler aus dem Geschlecht der poetischen Literatoren aufgetaucht –

Edgar Hederer: "Hugo von Hofmannsthal"; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 368 S., 22,– DM.

Man hielt das Zeitalter der Verklärungen und Apotheosen in der deutschen Literaturwissenschaft für beendet. Nun, man hat sich getäuscht. Der "Kreis" Stefan Georges vermochte sich nicht mehr zu regenerieren; das lag in der Natur der Sache. Die George-Forschung bemüht sich um eine sachliche Untersuchung der Lebensmythen wie der Dichtungsformen. Sie ist interessiert, respektvoll, aber nicht mehr "eingeweiht". Die Fürstinnen haben längst von Rilke abgelassen und sind auf neue Entdeckungen aus. Hofmannsthal aber hatte solche Verklärung in den letzten Jahrzehnten seines Lebens niemals erfahren. Er mußte sogar des Zuspruchs entbehren. Carl J. Burckhardt – dem Hederer übrigens sein Buch gewidmet hat – berichtet einen Ausspruch aus der letzten Lebenszeit: "Es ist nicht das Wollen, nicht das Können, nicht die Berufung, die über das Werk entscheiden. Man kann in ein Klima, in eine Zeit geraten, die kein Gedeihen mehr zulassen. Es geht wie mit der Vegetation, der Fauna – ganze Reihen sterben aus. Das Wort, das gestern noch Zauberkraft hatte, fällt heute sinnlos zu Boden."

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Der große Dichter ist inzwischen längst wieder entdeckt worden. Seine wirklichen Dimensionen sieht man heute viel genauer als damals, als im Jahre 1929. Es gibt längst eine Hofmannsthal-Forschung, die gute Ergebnisse erzielt hat. Vor einigen Monaten erst widmete Richard Brinkmann seine Tübinger Antrittsvorlesung dem Thema "Hofmannsthal und die Sprache" und damit einem Kernproblem aller Hofmannsthal-Interpretation. Es ist daher wahrhaft anachronistisch, wenn Edgar Hederer nun eine Hofmannsthal-Apotheose nachliefert, die sich getrost neben das George-Buch von Friedrich Wolters oder gewisse sehr noble Rilke-Bücher aus dem engeren Freundeskreis stellen kann. Auch darin, daß dieses von Edgar Hederer entworfene und durch Scheinwerfer angestrahlte Hofmannsthal-Denkmal typischen Standbildcharakter besitzt.

Von so profaner Themenstellung wie der nach Hofmannsthals Verhältnis zur Sprache wird man in diesem Buch freilich nichts finden. Richard Brinkmann hatte sich viel Arbeit gemacht. Allein ein Lustspiel wie der "Schwierige" bot an jeder Stelle des Dialogs die Möglichkeit, von der Sprache her die Dichtungskonzeption des späten Hofmannsthal zu verstehen. Der "Schwierige" war besonders ergiebig, aber der "Rosenkavalier" hätte kaum geringere Möglichkeiten geboten. Mit alledem gibt sich Edgar Hederer auf den etwa 350 Textseiten seines Buches überhaupt nicht ab. Er verkündet zwar, Hofmannsthal sei "ein Dichter, dessen Leben zu wissen nötig ist", was man nur bestätigen kann. Leider aber erhält man statt einer nüchternen und genauen Lebensdarstellung mit Daten, Hinweisen auf Werkentstehung, auf entscheidende Lebenstatsachen nur poetisch Allgemeines.

Beim Lesen dieses Kapitels "Leben" denkt man immerfort an das Xenion Karl Immermanns. "In Paris, wo er sich einen Frühling lang aufhält ..." Wann? "Venedig hat ihm bei kurzem Aufenthalt..." Wann? "Er ist viel unterwegs. In Berlin, wo er bei den Proben zu ‚Tor und Tod‘ und ‚Lysistrata‘ zugegen ist, öffnet er sich einem Kreis verstehender und erregender Menschen." Wann? Wo? Wer? Es folgt der nächste Satz. "Gelegentlich klagt er über die widrige, neidige Atmosphäre in Wien." Wo steht das, was hat Hofmannsthal wirklich gesagt, wo kann man das nachlesen? Die letzten Lebensstunden Hofmannsthals sind mit einer so falschen lyrischen Schlichtheit erzählt, daß man sich vor Unbehagen windet. "Daß er am Tode des Sohnes stirbt, der sich das Leben nahm, ist unausdeutbar." Wozu davon reden, wenn es unausdeutbar ist?

Das nächste Kapitel trägt die Überschrift "Der Betrachter". Vom Thema her könnte es entscheidende Erkenntnisse vermitteln, denn das essayistische Werk Hugo von Hofmannsthals ist bis heute nach seinem gesamten Umfang noch gar nicht behandelt worden. Es gibt ausgezeichnete Einzelstudien, zum Beispiel von Walter Jens über "Hofmannsthal und die Griechen" (1955). Daß Hederer von solchen Arbeiten keinerlei Notiz nimmt, versteht sich bei dem vornehmen Ton dieses Buches von selbst. Bemerkungen zur Sekundärliteratur wird man hier ebensowenig finden wie Jahreszahlen oder Hinweise auf Lebensereignisse und Entstehungsgeschichten der Werke.

Nun läßt sich bedauerlicherweise bei einem so universal gebildeten Künstler wie Hofmannsthal, der unablässig las und arbeitete, der sich für Romanistik zu habilitieren gedachte, das Werk des Betrachters, also des Essayisten, nicht von seinem Verhältnis zu Goethe, zur deutschen Romantik, zum Symbolismus, zu den Spaniern, zum österreichischen Volkstheater, zur Antike trennen. Über dies alles schweigt sich Hederer ebenso lyrisch wie beredt aus. Von der neueren Germanistik wurde längst erkannt, daß der berühmte "Brief des Lord Chandos", der im Mittelpunkt aller Untersuchungen über Hofmannsthal und die Sprache stehen muß, kein isoliertes Dokument der neueren Literaturgeschichte darstellt; daß von Hofmannsthal wichtige Beziehungen hinüberführen zu den Anfängen Musils, zu Rilke, zu Franz Kafkas Beginn, zur frühen expressionistischen Dichtung. Auch Hederer kommt offensichtlich ohne einen Hinweis auf solche Zusammenhänge nicht durch. Bei ihm sieht das aber so aus: Stellvertretend muß er die Krise der Zeit durchschreiten. Im gleichen Jahr erscheinen Rilkes ‚Malte‘ und Kafkas ‚Prozeß‘. Seele und Welt sind mit Zerfall und Zerstückung bedroht. Zu Hofmannsthals Auftrag gehört es, solche Anfechtung in wehrlosem Erleiden zu bestehen."

Man liest es und ist einigermaßen verblüfft. Der berühmte "Brief" ist von 1901, die "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" erschienen zuerst 1910 – und weiß Hederer wirklich nicht, daß Kafkas "Prozeß" erst durch Max Brod aus dem Nachlaß des Freundes, und zwar im Jahre 1925, herausgegeben wurde? Hederer kann sich auch nicht auf eine Verwechslung berufen und Kafkas "Urteil" oder die "Verwandlung" statt dessen zum Tausch anbieten, denn dann stimmt es vielleicht so ungefähr mit Rilke, jedoch immer noch nicht mit Hofmannsthal.

Der Wert jeder neueren Untersuchung über Gestalt und Werk Hugo von Hofmannsthals läßt sich daran ermessen, ob es dem neuen Interpreten gelingt, vom Brief des Lord Chandos her das Verhältnis Hofmannsthals zur Sprache zu deuten; ob die Widersprüche zwischen Librettisten und Komponisten in der Zusammenarbeit mit Richard Strauß sichtbar gemacht werden; ob ein Beitrag zur Deutung des Romanfragments "Andreas" geliefert werden kann. Auf allen drei Gebieten bleibt uns Hederer jegliche Antwort schuldig. Schlimmer. Er stellt nicht einmal die richtigen Fragen.

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Daß der "Brief" nicht ohne eine genaue Analyse der geschichtlichen Konstellation und literarischen Situation gegeben werden kann, wurde bereits angedeutet. Da der Bildhauer von seinem Gipsmodell nicht aufblickt und neben Hofmannsthal gar nichts anderes zu sehen vermag, muß er vor diesem Thema versagen. Dem Thema Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauß ist zwar ein ganzes Kapitel "Libretti" gewidmet, das aber gar nichts anderes gibt als eine umständliche und wenig präzise Nacherzählung des gesamten Briefwechsels. Viele Briefzitate, aber keinerlei Deutung. Es geht so weit, daß die wichtigsten Briefe Hofmannsthals aus dieser Korrespondenz gar nicht herausgehoben werden. Mit dem berühmten Meistersingerbrief vom 1. Juli 1927 etwa vermag Hederer überhaupt nichts anzufangen. Die Zusammenhänge zwischen Hofmannsthals Essays zur Oper, seinem Goethe-Bild, seinem Verhältnis zur Sprache, zur mythologischen Oper und seiner Zusammenarbeit mit Richard Strauß werden in keiner Weise in diesem Buch angedeutet.

Die Essays über die "Ägyptische Helena" oder Goethes Singspiele und Opern werden gelegentlich mit ein paar Zitaten gestreift, ohne daß sie auch nur einmal dort erwähnt würden, wo sie nun wirklich ihren Platz haben: bei Darstellung der Beziehungen zwischen Hofmannsthal und Strauß.

Da man auf Verklärung ausgeht, vermag man auch nicht zwischen Gelungenem und Mißlungenem zu unterscheiden. "Ein gemeinsames Gelingen wie der ‚Rosenkavalier‘ rechtfertigt Verzichte." Das wird einfach so hingeschrieben. Aber es hätte gezeigt werden müssen – vor kurzem erst hat Dolf Sternberger mit Recht darauf hingewiesen –, wie stark gerade im "Rosenkavalier" das Mißlingen und das Gelingen gleichzeitig vorhanden sind. Daß die Gegensätze schon bei der "Elektra" aufbrachen, läßt sich dem Briefwechsel ohne weiteres entnehmen. Hederer versteht es mit großer Kunst, gerade die entscheidenden und aufschlußreichen Stellen des Briefwechsels nicht zu zitieren. "Erst als der Dichter den Plan zur ‚Ägyptischen Helena‘ mitteilt, kommt es augenblicks zu wortloser Verständigung." Sachlich stimmt auch das wieder nicht, wie man im Briefwechsel nachlesen kann. Und außerdem, darf man heute übersehen, daß gerade die "Ägyptische Helena" als vielleicht einziges der gemeinsamen Werke völlig mißlungen ist? Hier hatte Hofmannsthal seine Idee von der mythologischen Oper gegenüber Strauß rein durchsetzen können. Aber das Werk starb daran. Was sich dahinter verbirgt, das eben hätte gezeigt werden müssen.

Schließlich das Andreas-Fragment. Hier nun hatte Hederer die Möglichkeit, sich mit einer meisterhaften wissenschaftlichen Vorarbeit als Interpret auseinanderzusetzen –

Richard Alewyn: "Andreas und die ‚wunderbare Freundin‘" (1955) in: "Über Hugo von Hofmannsthal"; Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen; 173 S., 4,80 DM.

Der heutige Bonner Germanist hatte sich die Analyse des Romanfragments wahrlich nicht leicht gemacht. Der Untertitel seiner Studie "Zur Fortsetzung von Hofmannsthals Roman-Fragment und ihrer psychiatrischen Quelle" deutet auf die Notwendigkeit, das Buch des amerikanischen Psychopathologen Morton Prince "The Dissociation of a Personality" zu studieren, ohne dessen Kenntnis – da es eine Hauptquelle für Hofmannsthal war – das Andreas-Fragment gar nicht analysiert werden kann. Alewyn ging in aller Sorgfalt dem Arbeitsprozeß Hofmannsthals nach, verglich die handschriftlichen Entwürfe, ordnete in geduldiger Arbeit die scheinbar verstreuten Notizen zur Einheit, um zu verstehen, was Hofmannsthal eigentlich gestalten wollte und aus welchen Gründen der wunderbare Entwurf schließlich unvollendet blieb. Freilich war dieses wissenschaftliche Ergebnis nur durch sorgfältige Kleinarbeit zu erreichen. Daß man es natürlich auch anders machen kann, zeigt eine spöttische kleine Bemerkung Alewyns: "Aber andererseits ist es nicht damit getan, Hofmannsthals dichterisches Reich zu durchstreifen und rasch gepflückte Zitate zu lockeren Sträußen zusammenzustellen."

Die Bemerkung liest sich wie eine Vorahnung Edgar Hederers. Der nämlich macht es sich auf 20 kargen Seiten sehr viel einfacher. Von Alewyn wird man hier ebensowenig etwas lesen können wie von Morton Prince. Der erste Satz des Kapitels wirkt unfreiwillig komisch: "Wer das Geistigste vermag, vermag auch das höchst Einfache." Was aber dabei herauskommt, wenn man den "Andreas" philologisch exakt – und wenn man ihn poetisch literarisierend behandelt, mag ein Vergleich der Ergebnisse Alewyns und Hederers zum "Andreas" zeigen:

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Alewyn liest die Geschichte schließlich so: "Andreas seinerseits wird ‚ganz‘. Seine zwei Liebschaft ten sind eins geworden, indem ihre Gegenstände verschmolzen sind, und wie die Kluft zwischen diesen schwindet, vereinigen sich die feindlichen Hälften seines Wesens. Heilend heilt er sich selbst, Mit der gegenseitigen Verwandlung haben Andreas und Maria ihre Aufgabe aneinander erfüllt, und damit trennen sich ihre Wege. Die ,ganze‘ Maria ist nun frei für die Vereinigung mit Gott, der ‚ganze‘ Andreas ist reif für die Vereinigung mit Romana. Seine Lehrjahre sind beendet." Das ist eine vorzügliche Zusammenfassung, die das Fragment in durchaus authentischer Weise geistig überschaut.

Bei Hederer liest sich das so: "Mit den Gestalten spielen geschlossene Welten miteinander und gegeneinander. Mittelpunkte, die sich nicht fassen können, bis die sphärische Welt, die sie vertreten, in einem Untergehen, das ein Übergehen ist, aufgehoben’ wird. Alles ist mit unvergleichlichem physiognomischen Hellblick am einmaligen Vorgang erweckt. Blitzartig wird mit einer Einzelheit Gestalt unheimlich deutlich, nirgends bloße Reflexion, indes ständig ein grüblerischer Sinn das Weltwesen meditiert."

Mit Verlaub, das heißt überhaupt nichts. Hier hat man alles noch einmal beisammen, was dieses Buch so fragwürdig und für Leser einer jeden Ambition so wertlos macht, für den Kenner wie für den Liebhaber: Behauptungen statt der Beweise, rosa Wölkchen, einen Stil, der es Hofmannsthal nachtun möchte, aber einfach mäßige poetische Prosa ist. Würde der Interpret wenigstens den billigen Anforderungen gerecht, die Immermann an seinen Vorgänger Franz Horn gestellt hatte: daß man aus dem Buch erfährt, wann der Mann, um den es geht, gelebt hat und wann er starb. Nebenbei bemerkt: Der alte Franz Horn war in dieser Beziehung weitaus gründlicher.