Der große Dichter ist inzwischen längst wieder entdeckt worden. Seine wirklichen Dimensionen sieht man heute viel genauer als damals, als im Jahre 1929. Es gibt längst eine Hofmannsthal-Forschung, die gute Ergebnisse erzielt hat. Vor einigen Monaten erst widmete Richard Brinkmann seine Tübinger Antrittsvorlesung dem Thema "Hofmannsthal und die Sprache" und damit einem Kernproblem aller Hofmannsthal-Interpretation. Es ist daher wahrhaft anachronistisch, wenn Edgar Hederer nun eine Hofmannsthal-Apotheose nachliefert, die sich getrost neben das George-Buch von Friedrich Wolters oder gewisse sehr noble Rilke-Bücher aus dem engeren Freundeskreis stellen kann. Auch darin, daß dieses von Edgar Hederer entworfene und durch Scheinwerfer angestrahlte Hofmannsthal-Denkmal typischen Standbildcharakter besitzt.

Von so profaner Themenstellung wie der nach Hofmannsthals Verhältnis zur Sprache wird man in diesem Buch freilich nichts finden. Richard Brinkmann hatte sich viel Arbeit gemacht. Allein ein Lustspiel wie der "Schwierige" bot an jeder Stelle des Dialogs die Möglichkeit, von der Sprache her die Dichtungskonzeption des späten Hofmannsthal zu verstehen. Der "Schwierige" war besonders ergiebig, aber der "Rosenkavalier" hätte kaum geringere Möglichkeiten geboten. Mit alledem gibt sich Edgar Hederer auf den etwa 350 Textseiten seines Buches überhaupt nicht ab. Er verkündet zwar, Hofmannsthal sei "ein Dichter, dessen Leben zu wissen nötig ist", was man nur bestätigen kann. Leider aber erhält man statt einer nüchternen und genauen Lebensdarstellung mit Daten, Hinweisen auf Werkentstehung, auf entscheidende Lebenstatsachen nur poetisch Allgemeines.

Beim Lesen dieses Kapitels "Leben" denkt man immerfort an das Xenion Karl Immermanns. "In Paris, wo er sich einen Frühling lang aufhält ..." Wann? "Venedig hat ihm bei kurzem Aufenthalt..." Wann? "Er ist viel unterwegs. In Berlin, wo er bei den Proben zu ‚Tor und Tod‘ und ‚Lysistrata‘ zugegen ist, öffnet er sich einem Kreis verstehender und erregender Menschen." Wann? Wo? Wer? Es folgt der nächste Satz. "Gelegentlich klagt er über die widrige, neidige Atmosphäre in Wien." Wo steht das, was hat Hofmannsthal wirklich gesagt, wo kann man das nachlesen? Die letzten Lebensstunden Hofmannsthals sind mit einer so falschen lyrischen Schlichtheit erzählt, daß man sich vor Unbehagen windet. "Daß er am Tode des Sohnes stirbt, der sich das Leben nahm, ist unausdeutbar." Wozu davon reden, wenn es unausdeutbar ist?

Das nächste Kapitel trägt die Überschrift "Der Betrachter". Vom Thema her könnte es entscheidende Erkenntnisse vermitteln, denn das essayistische Werk Hugo von Hofmannsthals ist bis heute nach seinem gesamten Umfang noch gar nicht behandelt worden. Es gibt ausgezeichnete Einzelstudien, zum Beispiel von Walter Jens über "Hofmannsthal und die Griechen" (1955). Daß Hederer von solchen Arbeiten keinerlei Notiz nimmt, versteht sich bei dem vornehmen Ton dieses Buches von selbst. Bemerkungen zur Sekundärliteratur wird man hier ebensowenig finden wie Jahreszahlen oder Hinweise auf Lebensereignisse und Entstehungsgeschichten der Werke.

Nun läßt sich bedauerlicherweise bei einem so universal gebildeten Künstler wie Hofmannsthal, der unablässig las und arbeitete, der sich für Romanistik zu habilitieren gedachte, das Werk des Betrachters, also des Essayisten, nicht von seinem Verhältnis zu Goethe, zur deutschen Romantik, zum Symbolismus, zu den Spaniern, zum österreichischen Volkstheater, zur Antike trennen. Über dies alles schweigt sich Hederer ebenso lyrisch wie beredt aus. Von der neueren Germanistik wurde längst erkannt, daß der berühmte "Brief des Lord Chandos", der im Mittelpunkt aller Untersuchungen über Hofmannsthal und die Sprache stehen muß, kein isoliertes Dokument der neueren Literaturgeschichte darstellt; daß von Hofmannsthal wichtige Beziehungen hinüberführen zu den Anfängen Musils, zu Rilke, zu Franz Kafkas Beginn, zur frühen expressionistischen Dichtung. Auch Hederer kommt offensichtlich ohne einen Hinweis auf solche Zusammenhänge nicht durch. Bei ihm sieht das aber so aus: Stellvertretend muß er die Krise der Zeit durchschreiten. Im gleichen Jahr erscheinen Rilkes ‚Malte‘ und Kafkas ‚Prozeß‘. Seele und Welt sind mit Zerfall und Zerstückung bedroht. Zu Hofmannsthals Auftrag gehört es, solche Anfechtung in wehrlosem Erleiden zu bestehen."

Man liest es und ist einigermaßen verblüfft. Der berühmte "Brief" ist von 1901, die "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" erschienen zuerst 1910 – und weiß Hederer wirklich nicht, daß Kafkas "Prozeß" erst durch Max Brod aus dem Nachlaß des Freundes, und zwar im Jahre 1925, herausgegeben wurde? Hederer kann sich auch nicht auf eine Verwechslung berufen und Kafkas "Urteil" oder die "Verwandlung" statt dessen zum Tausch anbieten, denn dann stimmt es vielleicht so ungefähr mit Rilke, jedoch immer noch nicht mit Hofmannsthal.

Der Wert jeder neueren Untersuchung über Gestalt und Werk Hugo von Hofmannsthals läßt sich daran ermessen, ob es dem neuen Interpreten gelingt, vom Brief des Lord Chandos her das Verhältnis Hofmannsthals zur Sprache zu deuten; ob die Widersprüche zwischen Librettisten und Komponisten in der Zusammenarbeit mit Richard Strauß sichtbar gemacht werden; ob ein Beitrag zur Deutung des Romanfragments "Andreas" geliefert werden kann. Auf allen drei Gebieten bleibt uns Hederer jegliche Antwort schuldig. Schlimmer. Er stellt nicht einmal die richtigen Fragen.