Daß der "Brief" nicht ohne eine genaue Analyse der geschichtlichen Konstellation und literarischen Situation gegeben werden kann, wurde bereits angedeutet. Da der Bildhauer von seinem Gipsmodell nicht aufblickt und neben Hofmannsthal gar nichts anderes zu sehen vermag, muß er vor diesem Thema versagen. Dem Thema Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauß ist zwar ein ganzes Kapitel "Libretti" gewidmet, das aber gar nichts anderes gibt als eine umständliche und wenig präzise Nacherzählung des gesamten Briefwechsels. Viele Briefzitate, aber keinerlei Deutung. Es geht so weit, daß die wichtigsten Briefe Hofmannsthals aus dieser Korrespondenz gar nicht herausgehoben werden. Mit dem berühmten Meistersingerbrief vom 1. Juli 1927 etwa vermag Hederer überhaupt nichts anzufangen. Die Zusammenhänge zwischen Hofmannsthals Essays zur Oper, seinem Goethe-Bild, seinem Verhältnis zur Sprache, zur mythologischen Oper und seiner Zusammenarbeit mit Richard Strauß werden in keiner Weise in diesem Buch angedeutet.

Die Essays über die "Ägyptische Helena" oder Goethes Singspiele und Opern werden gelegentlich mit ein paar Zitaten gestreift, ohne daß sie auch nur einmal dort erwähnt würden, wo sie nun wirklich ihren Platz haben: bei Darstellung der Beziehungen zwischen Hofmannsthal und Strauß.

Da man auf Verklärung ausgeht, vermag man auch nicht zwischen Gelungenem und Mißlungenem zu unterscheiden. "Ein gemeinsames Gelingen wie der ‚Rosenkavalier‘ rechtfertigt Verzichte." Das wird einfach so hingeschrieben. Aber es hätte gezeigt werden müssen – vor kurzem erst hat Dolf Sternberger mit Recht darauf hingewiesen –, wie stark gerade im "Rosenkavalier" das Mißlingen und das Gelingen gleichzeitig vorhanden sind. Daß die Gegensätze schon bei der "Elektra" aufbrachen, läßt sich dem Briefwechsel ohne weiteres entnehmen. Hederer versteht es mit großer Kunst, gerade die entscheidenden und aufschlußreichen Stellen des Briefwechsels nicht zu zitieren. "Erst als der Dichter den Plan zur ‚Ägyptischen Helena‘ mitteilt, kommt es augenblicks zu wortloser Verständigung." Sachlich stimmt auch das wieder nicht, wie man im Briefwechsel nachlesen kann. Und außerdem, darf man heute übersehen, daß gerade die "Ägyptische Helena" als vielleicht einziges der gemeinsamen Werke völlig mißlungen ist? Hier hatte Hofmannsthal seine Idee von der mythologischen Oper gegenüber Strauß rein durchsetzen können. Aber das Werk starb daran. Was sich dahinter verbirgt, das eben hätte gezeigt werden müssen.

Schließlich das Andreas-Fragment. Hier nun hatte Hederer die Möglichkeit, sich mit einer meisterhaften wissenschaftlichen Vorarbeit als Interpret auseinanderzusetzen –

Richard Alewyn: "Andreas und die ‚wunderbare Freundin‘" (1955) in: "Über Hugo von Hofmannsthal"; Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen; 173 S., 4,80 DM.

Der heutige Bonner Germanist hatte sich die Analyse des Romanfragments wahrlich nicht leicht gemacht. Der Untertitel seiner Studie "Zur Fortsetzung von Hofmannsthals Roman-Fragment und ihrer psychiatrischen Quelle" deutet auf die Notwendigkeit, das Buch des amerikanischen Psychopathologen Morton Prince "The Dissociation of a Personality" zu studieren, ohne dessen Kenntnis – da es eine Hauptquelle für Hofmannsthal war – das Andreas-Fragment gar nicht analysiert werden kann. Alewyn ging in aller Sorgfalt dem Arbeitsprozeß Hofmannsthals nach, verglich die handschriftlichen Entwürfe, ordnete in geduldiger Arbeit die scheinbar verstreuten Notizen zur Einheit, um zu verstehen, was Hofmannsthal eigentlich gestalten wollte und aus welchen Gründen der wunderbare Entwurf schließlich unvollendet blieb. Freilich war dieses wissenschaftliche Ergebnis nur durch sorgfältige Kleinarbeit zu erreichen. Daß man es natürlich auch anders machen kann, zeigt eine spöttische kleine Bemerkung Alewyns: "Aber andererseits ist es nicht damit getan, Hofmannsthals dichterisches Reich zu durchstreifen und rasch gepflückte Zitate zu lockeren Sträußen zusammenzustellen."

Die Bemerkung liest sich wie eine Vorahnung Edgar Hederers. Der nämlich macht es sich auf 20 kargen Seiten sehr viel einfacher. Von Alewyn wird man hier ebensowenig etwas lesen können wie von Morton Prince. Der erste Satz des Kapitels wirkt unfreiwillig komisch: "Wer das Geistigste vermag, vermag auch das höchst Einfache." Was aber dabei herauskommt, wenn man den "Andreas" philologisch exakt – und wenn man ihn poetisch literarisierend behandelt, mag ein Vergleich der Ergebnisse Alewyns und Hederers zum "Andreas" zeigen: