Von Ansgar Skriver

Seit 1955 erscheint in Westberlin die Literaturzeitschrift "alternative", die zwar nicht mit Umfang, Aufmachung und Auflage protzen kann, sich aber durchaus etwas auf ihre Autorin und Neuentdeckungen zugute halten darf: Günter. Bruno Fuchs, Günter Grass, Wolfgang Hädecke, Peter Jokostra, Christoph Meckel, Johannes Poethen, Peter Rühmkorf und viele andere. Ihre Herausgeber sind Reimar Lenz, Eva Müthel und Stefan Reisner. Die Beiträge des letzten Heftes gelten insgesamt den verschiedenen "Gotteslästerungsprozessen" der letzten Jahre – nicht ohne Grund: Gegen Lenz ist seit einiger Zeit ein Verfahren wegen Verstoßes gegen den § 166 StGB anhängig. Als nur mittelbar Betroffener schien uns der Verleger Ansgar Skriver berufen, zu diesen Prozessen Stellung zu nehmen. Wer dadurch, daß er öffentlich in beschinpfen-

den Äußerungen Gott lästert, ein Ärgernis gibt, oder wer öffentlich eine der christlichen Kirchen oder eine andere im Staate bestehende Religionsgesellschaft des öffentlichen Rechtes oder ihre Einrichtungen oder Gebräuche beschimpft, ... wird mit Gefängnis bis zu 3 Jahren bestraft."

So beginnt der "Gotteslästerungs"-Paragraph 166 unseres Strafgesetzbuches, ein Erbstück aus dem Jahre 1871, das in den letzten beiden Jahren zu unverhofften Ehren gekommen ist.

Unter den zahlreichen Gotteslästerungs-Verfahren erhielt der "Fall Döhl" die meiste Publizität. Im Juni 1959 veröffentlicht der Student Reinhard Döhl in der Göttinger Studentenzeitschrift Prisma eine lyrische Montage unter dem Titel "missa profana", die das Hildesheimer Generalvkariat auf den Plan ruft; es stellt Strafantrag, und das Landgericht Göttingen befindet Döhl für schuldig.

Der Student Peter Heeg veröffentlicht in der Tübinger Studentenzeitschrift notizen ein Ulrich von Hutten gewidmetes Gedicht, in dem es von einem Inquisitionsrichter heißt: "Im Namen der Jungfrau – seines Handwerks war er kundig!" Die Tübinger Hochschulgruppe des "Rings Christlich-Demokratischer Studenten" läuft zum Staatsanwalt und heftet gleichzeitig einen Aushang ans schwarze Brett: "Es sollte auch den Ketzern in der notizen-Redaktion bekannt sein, daß Ulrich von Hutten in der Schweiz, am Ufer des Züricher Sees, anSyphillis starb, unbehelligt von der Kirche." In den Antworten wird nicht nur vermerkt, daß sich Syphilis nur mit einem 1 schreibt, sondern auch auf die Wiedereinführung einer "mittelalterlichen, höchst stilvollen Hinrichtungsart" im Spanien des Jahres 1957 hingewiesen, "bei der dem Delinquenten mit einer Eisenklammer langsam die Kehle zugedrückt wird, während in Anwesenheit eines Geistlichen selbstverständlich vor ihm neben einem Kruzifix einige geweihte Kerzen ihren milden Schein verbreiten".

Der Heidelberger Studentenredakteur Klaus Figge, der in seiner Zeitschrift forum academicum eine anonyme "Paradiesgeschichte" druckt, wird vom Erzbischöflichen Ordinariat Freiburg angezeigt. Es ist wiederum der "Ring Christlich-Demokratischer Studenten", der an den Kultusminister von Baden-Württemberg, an Rektor und AStA der Universität Heidelberg einen Brief schreibt, in dem das forum academicum mit Streichers Stürmer verglichen wird. Während das Verfahren anläuft –es endet schließlich, in dritter Instanz, mit Freispruch – trommeln katholische Studentenverbände so lange, bis Figge seinen Posten als Pressereferent des Verbandes Deutscher Studentenschaften räumt. Den Namen seines anonymen Autors hat er bis heute nicht preisgegeben.