Commonwealth oder Gemeinsamer Europa-Markt – das ist die Frage

Von Hermann Riedle

In einer echten Notlage befindet sich seit Wochen das Pfund Sterling. Die Reserven der Bank of England schmelzen dahin; Rückzüge und Forderungen des Auslandes zeigen drastisch, daß man auf der anderen Seite des Kanals über die Verhältnisse lebt. Würden die anderen europäischen Notenbanken nicht in selbstgewählter Zurückhaltung das Pfund schonen, wer weiß, was mit der zweitwichtigsten Weltwährung schon geschehen wäre! Die schlechte Zahlungsbilanzlage Großbritanniens ist leider – und dies macht das negative Urteil über das Pfund noch schwerwiegender – nicht etwa eine kurzfristige ‚,Indisposition"; es handelt sich vielmehr um eine strukturelle Schwäche, die man nur mit energischen Mitteln kurieren kann. Nicht genug an dieser Währungsnot! Im Augenblick, da man sich ganz auf die schwere Aufgabe der Pfundsanierung konzentrieren sollte, drängt eine andere wichtige Entscheidung in den Vordergrund. Die Diskussion um die Frage eines Beitritts zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft mag der Regierung Macmillan ebensoviel Kopfzerbrechen bereiten wie die Werterhaltung des Sterlings. Beide Probleme, Währung und EWG-Beitritt, sind aber da und müssen bald gelöst werden, koste es was es wolle – und es scheint den Engländern ziemlich klar zu sein, daß es vor allem einmal kostet!

Zwei Fliegen auf einen Schlag

Falsch aber scheint mir jedoch die da und dort verbreitete Ansicht zu sein, wonach die Pfundkrise und der EWG-Beitritt in einem Zuge "gelöst" werden könnten. Das einfache Rezept lautet: Wenn England sich an den Gemeinsamen Markt anschließt, wird auch das Pfund gerettet sein. So einfach dürfen wir uns, vom Kontinent her, die Sache aber nicht vorstellen. Eine rein wirtschaftlich aufgemachte Rechnung, die beim Anschluß an die EWG für England auch nur Vorteile ausweist, genügt für eine richtige Entscheidung nicht. Es steht viel mehr auf dem Spie –

es geht um die wichtigen Bande des Commonwealth, um die Existenz der von Großbritannien selbst aufgebauten Gemeinschaft.

Drei Minister wurden von Premier Macmillan auf Kundschaft geschickt. Sie sollten in Kanada, Australien, Indien, Neuseeland, Ghana, Nigeria usw. abklären, wie man in Regierungskreisen der Schwesternationen die Möglichkeit eines englischen Paktes mit dem kontinentalen Europa beurteilt. Viel Vorbereitungszeit für diese Besprechungen war allerdings nicht gegeben, denn die beabsichtigte Wendung zur EWG ist ja auch in England ein relativ neues Traktandum. Wer hatte noch vor einem Jahr gedacht, daß die von Großbritannien "erfundene" und propagierte Kleine Freihandelszone so schnell an Reiz verlieren könnte! Die Commonwealth-Partner sind jedenfalls von den Plänen des Mutterlandes tüchtig überrascht worden. Und in England wiederum scheint man auf die Reaktionen in Übersee auch nicht vorbereitet gewesen zu sein.