Von Maria Wolkowsky

Kürzlich tauchten in Australien dreißig bisher unbekannte Briefe von Richard Strauß auf, geschrieben in den Jahren 1927 bis 1949 an eine inzwischen verstorbene, "früher im internationalen Opernleben prominente Persönlichkeit" – den Namen will der Erbe noch nicht verraten haben. Die heute in Sydney lebende Opernsängerin und Musikkritikerin Maria Wolkowsky-Prerauer konnte Einblick in die Sammlung nehmen. Hier ist, was sie dabei gefunden hat.

Die Briefe bestätigen wieder einmal, worüber die musikalische Öffentlichkeit mehrere Generationen lang so gern ihre Witze machte: daß Richard Strauß – ganz abgesehen von seinen Qualitäten als vielleicht bedeutendster Komponist des Jahrhundertanfangs – ein recht gewiegter Geschäftsmann war, und daß er nichts dagegen hatte, seine Ansichten zu ändern, auch in rein künstlerischen Fragen, wie sie zum Beispiel in dem berühmten Briefwechsel Strauß-Hofmannsthal erörtert werden.

Einmal, im Zusammenhang mit der "Salome", hatte man ihn anscheinend darauf aufmerksam gemacht, daß er sich selber widersprochen habe. Er entgegnete, seine früheren Äußerungen sollten mit einem Körnchen Salz genommen werden – sie seien nur gegen alle übertriebene Kino-Dramatik gerichtet gewesen. Das wäre eine Bestätigung der auch sonst beweisbaren Ansicht, daß man die von Strauß hinterlassenen Rezepte sozusagen "nach Geschmack" variieren muß, selber war er bekanntlich einer solchen Prozedur keineswegs abgeneigt – zum Beispiel bei den Tempi, die er beim Dirigieren seiner eigenen Werke nahm: Es wird ja behauptet (und der Beweis ist oft geliefert worden), er habe "schneller" dirigiert, wenn er beim Skat verloren hatte und es ihn unwiderstehlich zum Kartentisch zurücktrieb.

Die vorliegende Korrespondenz zeigt, daß Strauß es später wenn irgend möglich vermied, den "Rosenkavalier" zu dirigieren – wenigstens in den großen Opernhäusern Mitteleuropas. Dort empfahl es sich nämlich, die Anziehungskraft der Ankündigung "unter persönlicher Leitung des Komponisten" lieber seinen weniger populären Werken zugute kommen zu lassen – wie etwa der "Frau ohne Schatten", im Opernleben abgekürzt Fr. o. Sch. oder einfach "Frosch" genannt. Gern und oft bietet er an, dies Werk zu dirigieren und entkräftet damit selber den Einwand, der "Rosenkavalier" sei zu lang und deshalb seinem Rheuma abträglich, denn der "Frosch" nämlich ist beinahe ebenso lang. Besonders nachdrücklich lehnt er das Dirigieren des "Rosenkavalier" ab, als er ihn in Neapel innerhalb einer Woche sechsmal geleitet hat – ob er aber in diese Ziffer auch die Proben eingerechnet hat, darüber schweigt er sich aus. So mag also nicht bloßer Geschäftssinn, sondern ein wenig Langeweile mit im Spiel gewesen sein.

Die Salome, schreibt er, sei zwiespältig und unergründlich; die Ausdeutung der Schlußszene überlasse er der Sängerin. Wüßte er es genauer, so wäre er nicht Künstler, sondern Journalist! Alter Groll kommt hier zum Vorschein: Denn 1931 sagt die Presse keineswegs mehr ein jubelndes Ja zu allem, was ihm aus der Feder fließt. Auch seine Salome-Retuschen, findet er, gehen die Presse nichts an – wer hat denn da wieder von einer neuen Instrumentierung geschwatzt! Dies sei sofort zu dementieren!

Er zeigt sich ungehalten über den Niedergang der deutschen Oper. Man ziehe jetzt Millöcker, Johann Strauß, Lehár und Suppe seinen "Kollagen" (sie) Mozart, Beethoven, Weber, Wagner vor – und dem Strauß!