Von Thilo Koch

Washington, im Juli

Kennedys Berlin-Politik ist zögernd. Er macht es im Augenblick niemandem recht. Die Befürworter militärischer Maßnahmen meinen, er sollte den nationalen Notstand erklären und die eine Million Reservisten zu den Waffen rufen, die er ohne vorherige Zustimmung des Kongresses mobilisieren kann – er zögert. Die Befürworter einer diplomatischen Offensive werfen, ihm vor; daß er dem östlichen keinen, westlichen Friedensvertragsentwurf für Deutschland entgegenstellt – er zögert. Die Befürworter eines neuen Sonderabkommens über Berlin raten ihm, Viermächteverhandlungen anzuregen, ehe die Krise ausbricht – er zögert.

Zögert der Präsident aus innerer Unsicherheit oder aus Weisheit? Das ist die Frage. Niemand kann sie im Augenblick absolut zuverlässig beantworten. Die richtige Antwort darauf gäbe aber zugleich den entscheidenden Hinweis darauf, wohin die amerikanische Berlin-Politik gehen wird. Es hängt letzten Endes von der Persönlichkeit, von der Entscheidung des einen, einzigen Mannes im Weißen Haus ab, ob die Dinge sich bis zum äußersten zuspitzen oder ob die Lokalisierung und Entschärfung des Berlin-Streites gelingt.

Kuba, Wien und das Wirbelsäulenleiden haben Kennedy getroffen, vielleicht gewandelt. Das siegesgewisse Strahlen der Inauguration ist verschwunden. Die Publizitätsfreudigkeit der neuen Regierung entfaltet ihre Kehrseite: Indiskretionen entwerteten diplomatische Vorbereitungen. Die Folge ist irritierte Vorsicht. Fast jede Woche prellt irgendeines der auflagenstarken Magazine mit Enthüllungen oder Analysen vor, die das Pentagon, das State Department oder das Weiße Haus bloßstellen. Ob es sich um Mobilmachungspläne und strategische Vorkehrungen für die Berlinkrise handelt oder um das Labyrinth der Studien und Beratungen, in das der Präsident sich zwischen Außenministerium und eigenem Stab verstrickte – John Kennedy erfährt Kritik. Ein Fall wurde bekannt, wo er nervös und empfindlich reagierte: Er telephonierte wegen eines Artikels, in dem die mangelnde Koordination zwischen Sonderberatern des Präsidenten und zuständigen Beamten der Ministerien kritisiert wurde, persönlich mit der Redaktion von Time ...

Andererseits hat John Kennedy im Wahlkampf und in den ersten hundert Tagen als Präsident ein Bild von sich geprägt, dessen Konturen fest umrissen sind. Es ist das Bild eines Mannes mit guten Nerven, großer Energie, schneller Verstandesschärfe und überraschender Schlagfertigkeit. All das ist nicht verloren, Kennedy ist ein erfahrener Politiker, aber er muß das schwierigste Geschäft der Welt, Führer einer Weltmacht zu sein, auch erst lernen. Seine Lehr- und Wanderjahre sind noch nicht beendet. Berlin wird ihm zur Meisterprüfung werden. Wenn diese Prüfung für die westliche Welt überhaupt zu bestehen. ist, dann bringt der Präsident Kennedy die Gaben mit, sie zu meistern. Er kann es nicht allein. Er braucht die richtigen Berater, die ihm für Kuba so verhängnisvoll fehlten, und er braucht die richtigen Alliierten.

Die Harvard-Professoren in seiner nächsten Umgebung sind in den Hintergrund getreten. Eine entscheidende Wochenend-Besprechung über Berlin führte Kennedy mit Rusk, McNamara, Taylor. Der Verteidigungsminister gilt als ein unpolitischer, hochqualifizierter Fachmann. Der Außenminister hat neuerdings seine "harten" Auffassungen von der richtigen Politik gegenüber Chruschtschow erneuert und bemerkenswert fundiert ausgesprochen. General Taylor, der neue militärische Sonderberater des Präsidenten, gehört ebenfalls zur "harten" Schule. Dean Acheson, der ehemalige Chef Dean Rusks, hat beim Aufbau der harten Linie innerhalb der zunächst eher "weich" gestimmten Kennedyregierung Pionierdienste geleistet, wenn auch der Präsident Achesons Schlußfolgerung durchaus nicht in Bausch und Bogen akzeptierte.