Die englische Mannschaft ist neulich bei der traditionellen Begegnung im Kricket mit den Australiern geschlagen worden, ein Ereignis, das viele Sportenthusiasten fast als eine nationale Katastrophe angesehen haben. Nach dem Kampf erhoben die Engländer den Einwand, daß die geheiligte Rasenfläche von "Lords", dem Londoner Kricketplatz, nicht ganz geebnet gewesen wäre, was – die Begründung, ist unverständlich – den Australiern zum Vorteil gereicht hätte. Aus der ganzen Kontroverse ergab sich nur, daß die Engländer es auch im Kricket, ihrem sommerlichen Nationalsport, verlernt hatten, mit einem Lächeln verlieren zu können. Es gab Diskussionen im Funk und im Fernsehen, es hagelte Leserbriefe an die Presse. Dabei tauchte immer wieder die Frage auf, ob Sich ein Gentleman so verhalten dürfe oder nicht, wie es die geschlagene Elf der Kricket-Nationalmannschaft getan habe.

Mein Wörterbuch definiert den ‚,Gentleman" als einen "Menschen von ritterlichen Instinkten, noblen Gefühlen und guter Herkunft", als einen "Mann von guter gesellschaftlicher Position, der über Reichtum und Freizeit verfügt". Man muß sich in diesem Zusammenhang daran erinnern, daß der moderne Sport ursprünglich die private Angelegenheit einer herrschenden Schicht gewesen ist, die über genügend Zeit und finanzielle Mittel verfügte. Noch im Jahre 1936 wurde die Nennung eines australischen Rennbootes für die Ruderregatta in Henley abgewiesen, weil der Besatzung ein Polizist angehörte, der eben nicht in den traditionellen Rahmen paßte.

Inzwischen haben sich natürlich die Vorstellungen vom Gentleman und seinem Sport gewandelt. Aber merkwürdig ist, daß noch immer keine geschlossene Soziologie des Sports vorliegt, in der die Entwicklungsgeschichte von Begriffen wie "gentleman" und "fair play" aufmerksam behandelt wird. Nehmen wir einmal die landläufige Vorstellung von einem englischen Sportsmann als dem Gralshüter ethischer Konventionen! Sie ist schon deswegen nicht länger haltbar, weil die "kalte" Sozialrevolution des Wohlfahrtsstaates und die Illusionen von Macmillans "Gesellschaft, die es niemals so gut gehabt hat" heute im Inselreich Vorstellungen erzeugt haben, die der Wirklichkeit wesentlich näherkommen. In keinem Land der Welt ist der Sport derartig zur Vergnügungsindustrie geworden wie in Großbritannien; in keinem anderen Land hat sich das Zahlenverhältnis der Teilnehmer zu den Zuschauern so zum Vorteil der passiven Betrachter verschoben. Es ist der Nervenkitzel, der befriedigt werden soll. Und es ist höchst gleichgültig, wer unter den vom Publikum ausgehaltenen Gladiatoren ein Gentleman ist und ob er die Regeln des Fair Play anwendet.

Es läßt sich kaum leugnen, daß die englische Boulevardpresse an dieser Wandlung ihren Teil Schuld dadurch trägt, da sie kein Mittel scheut, das Bedürfnis nach dem Nervenkitzel wachzuhalten. Und was hülfen moralische Ermahnungen? Das Publikum in England protestiert ebenso heftig gegen die Entscheidungen eines Schiedsrichters wie in anderen Ländern, ist genauso bereit, handgreiflich zu werden, ist genauso geneigt, nationalistische Demonstrationen abzuhalten wie alle anderen Sportnationen auf der Welt. Sollte sich dies alles in England weniger laut abspielen, sollte es noch immer im Rahmen einer zivilisierten Haltung bleiben, dann mögen Klima und Tradition das Verdienst daran haben, aber sicherlich nicht die Sportauffassungen eines Gentlemans.

Sollte er etwa ausgestorben sein? Mitnichten. Er existiert durchaus; aber vornehmlich in jenen Sportzweigen, die für die Sportpresse deswegen uninteressant sind, weil ihnen keine besondere sensationelle "mystique" anhaftet.

Hockey und Rudern sind Sportarten, die, mit der Ausnahme der Universitätsregatta und der Henley-Woche, unter Ausschluß der Öffentlichkeit getrieben werden. Hier gibt es nichts zu verdienen, und hier sind keine Sensationen, die sich in der Presse vertreiben ließen. Ähnlich liegen die Dinge beim Segeln oder bei der Alpinistik. Im übrigen aber findet man einen etwas modernisierten Typ des Gentlemans und eine orthodoxe Beobachtung der Regeln des Fair Play noch am reinsten im Sport der englischen Schulen. Zwar wird dort nicht bewußt ein Sportethos gepflegt, aber die schulpflichtige Jugend kommt wenigstens nicht direkt mit dem chronischen Materialismus in Verbindung, der sich in den meisten Sportvereinen breitgemacht hat. (Nur die wenigsten Vereine besitzen Jugendabteilungen.)

Wer eine Antwort auf die Frage nach der Wertbeständigkeit des Gentleman und des Fair Play im Sport will, muß wissen, daß der Sport keine Treibhauspflanze ist, die in einem ideologischen Humusboden gezogen werden könnte, sondern ein prägnanter Ausdruck der Zeit, der sich ständig wandelt. Wer den Wert jeglicher Leibesübungen in der privaten Betätigung sieht, wird, ihn nicht sehr wichtig nehmen.