In keinem Lande der Welt wird dem akademi-. schen Doktorgrad soviel Wert zugemessen wie in Deutschland (die Ordinarien unserer Universitäten, die sich nicht retten können vor Doktoranden-Anwärtern, wissen ein Lied davon zu singen); aber in keinem Lande der Welt ist "Intellektueller" (seit Dr. Joseph Goebbels) ein so gefährliches Schimpfwort wie in Deutschland.

Ein Intellektueller ist sprachgeschichtlich bestimmt als ein Mann, der zu lesen versteht, der "Intellekt" hat und "intelligent" ist. Seine Abwertung ist soziologisch zu begreifen als die eines Typs, der beim Umgang mit Büchern den Umgang mit Menschen verlernt hat, dem, geblendet vom "Sein" und vom "Nichts", unser aller Dasein nicht viel mehr ist als ein überflüssiger Zufall.

Fair enough. Gegen diesen Typ muß sich gesunder Menschenverstand, der auf das Wirken in unserer kleinen, alltäglichen, aber für jeden einzelnen nun einmal so wichtigen Welt gerichtet ist, zur Wehr setzen, indem er ihm Züge des Kauzigen, Versponnenen, in praktischen Dingen Unzurechnungsfähigen verleiht. Einen "Eierkopf" nennen ihn die Amerikaner, einen "Hochstirnigen" die Engländer; darin mischen sich Spott und Anerkennung, Schätzung und Geringschätzung ganz harmonisch.

Anders bei uns. Da trugen Intellektuelle schon immer gern und neuerdings wieder nicht nur die Attribute "hirnverbrannt" und "schmalbrüstig", die ihnen durchaus zustehen als ein Teil jener Unfreundlichkeiten, mit denen wir einander so reich bedenken. Da stellten sich alsbald auch die Epitheta "entwurzelt" und "zersetzend" ein. Sie wurden auf Erich Kästner wie auf Albert Einstein, auf Thomas Mann wie auf Kurt Tucholsky verschossen. Sie liegen auch heute wieder im Köcher der Intellektuellen-Kopfjäger. Zielscheibe ist nicht der linkische Intellektuelle, sondern der "linke" Intellektuelle – was immer das heißen mag.

Ein Protest der Intellektuellen auf der Rechten und in der Mitte wäre überfällig. Es bieten sich zur Verketzerung Andersdenkender (ein deutsches Gesellschaftsspiel) doch so viele schöne Schimpfwörter an: "Kommi", "fellow traveller", "Weichling" und "Feigling", oder, in harmloseren Fällen, einfach "Idiot". Unsere Intellektuellen haben daher solche philologischen Unklarheiten wie die, daß da ein Intellektueller andere Intellektuelle als "die Intellektuellen" beschimpft, wirklich nicht nötig. Sie machen es den anderen sonst unnötig schwer, eine gewisse Hochachtung vor dem Intellekt zu bewahren. Leo