"Weil ich Treue geschworen hatte..." – Seite 1

Von Robert Pendorf

Der Prozeß gegen Adolf Eichmann neigt sich seinem Ende zu. Generalstaatsanwalt Gideon Hausner hat sein Kreuzverhör des Angeklagten beendet. Vielleicht legt die Verteidigung nun noch einige Dokumente und eidesstattliche Erklärungen von Zeugen vor; es folgen die Schlußplädoyers, und wohl schon Ende nächster Woche wird Stille herrschen in den weitläufigen Räumen des Jerusalemer "Volkshauses", das als Gerichtssaal dient. Eichmann wird wieder warten wie vorher, schwer bewacht an unbekanntem Ort – warten auf das Urteil. Es mag Wochen, ja Monate dauern, bis es gefällt und verkündet wird.

Müßig, Spekulationen darüber anzustellen, wie dieses Urteil ausfallen mag: Es ist uninteressant geworden, wie Eichmann selber uninteressant geworden ist. Ob er zum Tode verurteilt wird, ob ein solches Urteil vollzogen werden mag, ob die Strafe geringer ausfällt, ob sich das Verfahren mit Berufung und Revision noch Jahre hinzieht bis zum endgültigen Abschluß oder nicht – was bedeutet es schon? Was bedeutet das weitere Schicksal dieses einen Mannes angesichts dessen, was in diesem Prozeß zutage getreten ist?

Gewiß, das Gericht hat sich bemüht, dieses Verfahren das sein und werden zu lassen, was es dem Namen nach ist: ein mehr oder minder normales Kriminalverfahren gegen einen Mann. Es ist ihm nicht gelungen, und es konnte ihm nicht gelingen. Schon deshalb nicht, weil die Ankläger entschlossen waren, nicht einen Mann, sondern eine Epoche vor Gericht zu stellen – Wie es das deutsche Fernsehen ganz richtig im Titel seiner Sonderberichte formulierte.

Die Ankläger mühten sich zwar, den Mann mit der ganzen Epoche zu identifizieren, Eichmann als den Erfinder, Planer und Ausführer des scheußlichen Völkermordes darzustellen. Doch sie mühten sich vergebens. Der Angeklagte selbst offenbarte – weniger durch seine Worte als durch die Art seines Auftretens und seiner Reaktion –, daß er genau das war, was zu sein er vorgibt: einer von vielen, ein Rad, wenn auch nicht das kleinste, in einer mächtigen Mordmaschinerie, ein Glied in einer langen Kette, die nie hätte halten können, wenn es nicht auch die anderen Glieder gegeben hätte.

Es wäre zu schön, zu einfach, zu bequem gewesen, wenn das herausgekommen wäre, was der Staatsanwalt in seltsamer Fehlinterpretation der schrecklichen Wirklichkeit zu beweisen suchte: daß nämlich alles nur dank Eichmann und ein paar anderer, toter und verschollener Machthaber geschehen wäre. Wäre es so, wäre alles in der Tat nur das Werk einer Handvoll ganz- oder halbverrückter Fanatiker gewesen, wir könnten uns beruhigt schlafen legen. Böse Gestalten dieses Formats gelangen erfahrungsgemäß nur alle paar Jahrhunderte zu todbringender Macht; es wäre für uns alle nicht mehr als eine häßliche Pointe des Schicksals, ausgerechnet in so eine Geschichtsepoche hineingeboren zu sein, und ein freundliches Geschick, sie heil überstanden zu haben und sie ohne Angst vor Wiederholung vergessen zu können.

Aber das ist es eben nicht, was im Jerusalemer Gerichtssaal dargelegt und bewiesen wurde. Bewiesen wurde vielmehr an Hand ungezählter schrecklicher Beispiele die beklemmende Tatsache, daß viele Menschen mit nur geringen Mitteln – Propaganda, Befehlen, Alkohol – in blutrünstige Bestien verwandelt werden können, heute noch genauso wie zu Zeiten des Neanderthalers. All die Tausende simpler Polizisten, Soldaten, SS-Sturmmänner oder wie immer sie hießen, die einmal den Finger an den Abzug der auf wehrlose Menschen gerichteten Maschinenpistolen legten, waren vorher ganz normale Menschen und sind es, erstaunlicherweise, heute wieder. Manchmal sogar wieder als Polizisten. Beängstigend.

"Weil ich Treue geschworen hatte..." – Seite 2

Und weiter stellte sich heraus, daß auch da, wo es nicht ums brutale, unmittelbare Töten, sondern um den Mord per Dekret geht, erstaunlich viele Menschen dazu zu bringen sind, ihr Gewissen sozusagen abzuklemmen, ihr Wissen beiseite zu schieben und so zu handeln, wie es erwartet wird und der Karriere zuträglich ist.

Die meisten wußten doch wohl, was sie von ihrem Tun zu halten hatten, selbst der Apparatschik Eichmann wußte das und gab es am 95. Tage des Prozesses endlich auch zu. Es war nicht Generalstaatsanwalt Hausner – der während des Kreuzverhörs zeitweise höhnisch-ironische Mätzchen mit sachlicher Schärfe verwechselte und seiner Sache damit keinen guten Dienst erwies –, der dieses Eingeständnis aus Eichmann herausholte, es war der souveräne Vorsitzende Moshe Landau.

Eichmann, nach tagelangem Verhör, tagelangem Ausweichen und Erklärungsversuchen sichtlich nicht weit vom Ende seiner erstaunlichen Nervenkraft, hatte erklärt, er hätte sich erschossen, wäre ihm damals befohlen worden, ein Todeslager wie Auschwitz zu kommandieren. Dann wandte er sich an das Gericht und bat, man möge ihm nach dem Prozeß, wie immer das Urteil auch ausfalle, erlauben, ein Buch zu schreiben – "um die Dinge zu erklären und das Kind beim Namen zu nennen."

Richter Landau, vorgebeugt, mit ruhiger, fast sanfter Stimme: "Es ist Ihre Pflicht, alle die Dinge, die Sie in Ihrem Buch schreiben würden, hier zu sagen. Sie erklärten, sie wollen das Kind beim Namen nennen – das müssen Sie hier tun."

Eichmann: "Jawohl, Herr Präsident, Ich will eine klare Antwort geben, wie Sie es wünschen. Ich muß zugeben, daß ich in der Ermordung der Juden, in der Ausrottung der Juden, eines der schrecklichsten Verbrechen in der Menschheitsgeschichte sehe."

Richter Halevi: "So denken Sie jetzt. Wie dachten Sie damals?"

Eichmann, nach einigen einleitenden Sätzen: "... ich habe schon damals in der gewaltsamen Lösung des Judenproblems etwas irgendwie Ungesetzliches, irgendwie Schreckliches und Scheußliches gesehen. Aber", auch diesem lang erwarteten Geständnis folgte sofort die Entschuldigung, "unglücklicherweise mußte ich tun, was ich getan habe – weil ich Treue und Gehorsam geschworen hatte ..."

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Und dann kam, ausgelöst durch eine weitere Frage des Richters Halevi, das böse Ende: In seinem "Innersten", bekannte Eichmann, habe er die Schuld an den sehr wohl erkannten Verbrechen seinen Vorgesetzten gegeben, und so habe er inneren Frieden gefunden.

Das ist es, was viel fürchterlicher ist als hier ein Sadist und dort ein brutaler Schlächter: die unheimliche Fähigkeit von Menschen, sich selbst zu Robotern auch des Schrecklichsten zu degradieren, sich dessen zu entkleiden, was den Menschen zum Menschen macht, nämlich der Verantwortung für das eigene Tun. Dieses aber kann uns um deren und überall alle Tage wieder passieren. Das ist das bittere Fazit dieses Prozesses.

Was aber bleibt? Was sind die Konsequenzen? Soweit es uns, die Deutschen, anlangt, ist mit neuaufgelegter, hektischer Nazischnüffelei nicht viel geholfen, obschon auf diesem Gebiet, vom Staatssekretär bis zum Polizeimeister, manches im argen liegt.

Aber auch, wenn der Prozeß nicht mehr bewirkt als eine nachhaltige und wirksame Mahnung, daß nichts, aber auch gar nichts das eigene Gewissen entlasten kann, weder Kirche, noch Staat oder Partei; und wenn sonst nichts herauskommt, als daß die unsäglichen Schrecknisse, die in Jerusalem wiederauflebten, den Menschen in aller Welt einen Schock versetzten, der sie hellhörig macht für alle Zeiten, wenn nur dies das Ergebnis des Prozesses ist, dann hat er einen Sinn gehabt.