Und weiter stellte sich heraus, daß auch da, wo es nicht ums brutale, unmittelbare Töten, sondern um den Mord per Dekret geht, erstaunlich viele Menschen dazu zu bringen sind, ihr Gewissen sozusagen abzuklemmen, ihr Wissen beiseite zu schieben und so zu handeln, wie es erwartet wird und der Karriere zuträglich ist.

Die meisten wußten doch wohl, was sie von ihrem Tun zu halten hatten, selbst der Apparatschik Eichmann wußte das und gab es am 95. Tage des Prozesses endlich auch zu. Es war nicht Generalstaatsanwalt Hausner – der während des Kreuzverhörs zeitweise höhnisch-ironische Mätzchen mit sachlicher Schärfe verwechselte und seiner Sache damit keinen guten Dienst erwies –, der dieses Eingeständnis aus Eichmann herausholte, es war der souveräne Vorsitzende Moshe Landau.

Eichmann, nach tagelangem Verhör, tagelangem Ausweichen und Erklärungsversuchen sichtlich nicht weit vom Ende seiner erstaunlichen Nervenkraft, hatte erklärt, er hätte sich erschossen, wäre ihm damals befohlen worden, ein Todeslager wie Auschwitz zu kommandieren. Dann wandte er sich an das Gericht und bat, man möge ihm nach dem Prozeß, wie immer das Urteil auch ausfalle, erlauben, ein Buch zu schreiben – "um die Dinge zu erklären und das Kind beim Namen zu nennen."

Richter Landau, vorgebeugt, mit ruhiger, fast sanfter Stimme: "Es ist Ihre Pflicht, alle die Dinge, die Sie in Ihrem Buch schreiben würden, hier zu sagen. Sie erklärten, sie wollen das Kind beim Namen nennen – das müssen Sie hier tun."

Eichmann: "Jawohl, Herr Präsident, Ich will eine klare Antwort geben, wie Sie es wünschen. Ich muß zugeben, daß ich in der Ermordung der Juden, in der Ausrottung der Juden, eines der schrecklichsten Verbrechen in der Menschheitsgeschichte sehe."

Richter Halevi: "So denken Sie jetzt. Wie dachten Sie damals?"

Eichmann, nach einigen einleitenden Sätzen: "... ich habe schon damals in der gewaltsamen Lösung des Judenproblems etwas irgendwie Ungesetzliches, irgendwie Schreckliches und Scheußliches gesehen. Aber", auch diesem lang erwarteten Geständnis folgte sofort die Entschuldigung, "unglücklicherweise mußte ich tun, was ich getan habe – weil ich Treue und Gehorsam geschworen hatte ..."