Vom Ballhausplatz "verlautet" es gelegentlich wie vom Quai d’Orsay oder vom Quirinal, Abbreviaturen für Regierungsamtssitze. Am Wiener Ballhausplatz residieren Bundespräsident, Kanzler, sein Stellvertreter und der Außenminister Österreichs. Wachsoldaten paradieren nur bei Staatsempfängen. Gemeinhin zirkulieren nur ein paar Polizisten. Am Rande gab es bis vor kurzem noch ein unbebautes Fleckchen, einige 90 Quadratmeter groß, viel zu klein für ein Bauwerk. Ein Großagrarier aus Niederösterreich sorgte sich um die Großstädter, weil sie die Bestandteile ihres täglichen Brotes nicht mehr kennen: Weizen, Roggen, Gerste, Hafer. Sie können sie nicht einmal mehr unterscheiden. Er pachtete das Fleckchen am Ballhausplatz und legte ein Miniaturfeld mit den einzelnen Sorten an; die Wiener nannten es alsbald "kleinstes Getreidefeld der Welt". Bei Monatswechsel werden die Städter in Anschlägen in feiner Antiqua über anstehende Bauernregeln belehrt. So heißt es auch wieder: "Ist der Mai feucht und naß ..." Und tatsächlich: Das Wetter war schlecht, das Getreide steht gut. Die Männer an der Staatsspitze können jetzt zumindest sehen – wofern sie nicht das Gras wachsen hören sollten –, ob der Weizen blüht. Ja, in Wien... U. W.