Von Robert Strobel

Der Bundestagswahlkampf wird diesmal noch mehr als 1957 von amerikanischen Vorbildern beeinflußt. Man treibt demoskopische. Untersuchungen, zieht Werbeinstitute zu Rate und nutzt die modernsten Reklamemittel aus.

Bei alledem schätzt man, daß die Wahlentscheidung von drei Vierteln aller Wähler bereits jetzt feststeht. Um das Viertel der noch Unentschiedenen geht der Kampf. Nach Umfragen der Emnid (es ist das demoskopische Institut, das laufend Erhebungen für die SPD durchführt) hat die Zahl diese Unentschiedenen von 18 vH im Februar auf 27 vH im Juni zugenommen. Schon glaubt die SPD, diese Entwicklung als einen Erfolg ihrer frühzeitig begonnenen Propaganda werten zu können. Auf jeden Fall trifft es zu, daß die Zahl der Unentschiedenen zwei Monate vor einer Bundestagswahl noch nie so hoch war.

Alle drei Parteien lassen sich von Werbeagenturen beraten: Die CDU von der Firma Die Werbe in Essen und von der Agentur Hegemann in Düsseldorf; die SPD von der IWAG (Internationale Werbe-Agentur) in Berlin; die FDP von WWW (Wirtschafts-Werbung Wienholdt) in Düsseldorf. Die Werbefachleute beraten die Politiker vor allem in den technischen Details der Werbung. Welche Farbe ist auf einem bestimmten Plakat am wirkungsvollsten? Wie groß soll das Plakat sein? Welche Schrift kommt beim Leser "gut an"? Wann und in welcher Art soll eine Werbeaktion einsetzen? Die SPD und wohl auch die anderen Parteien lassen die Ratschläge ihrer Werbefachleute oft noch von einem anderen Werbeinstitut überprüfen.

Die SPD hat bereits vor längerer Zeit mit einer Inseratenkampagne in Tageszeitungen begonnen. Die CDU will diese Form der Werbung erst in der Schlußphase des Wahlkampfes forcieren. Auch mit dem Kleben ihrer Wahlplakate lassen sich die Unionparteien noch etwas Zeit. Die SPD und auch die FDP haben damit früher angefangen. Aber ihre Spitzenleistungen im Plakatekleben wollen sich alle Parteien natürlich für den Endspurt des Wahlkampfes aufheben. Die Unionparteien wollen 40 Tage, die SPD 21 Tage "ganz groß" plakatieren. Auch die FDP wird dann ihre Spitzenkandidaten zeigen.

Die CDU ließ sich von ihren Reklameberatern sagen, daß sich im Vorwahlkampf, wo sich der Mann auf der Straße noch nicht so sehr mit der Wahl beschäftige, eine diskretere Beeinflussung empfehle. Dazu bedienten sich die Unionparteien der Illustrierten. Sie gaben ihnen Inserate im Geschmack von "Lieschen Müller". Etwa so: In zerlumpter Kleidung steht ein Mann zwischen zwei stark abgenutzten Eisenbahnwagen, in der Hand einen schäbigen Koffer, auf dem Rücken einen abgerissenen Brotsack. Darüber steht: "Wo standen Sie 1947?" Und darunter liest man: "Wollen wir bei der Bundestagswahl im Herbst aufs Spiel setzen, was wir mit so viel Mühe und Fleiß erreicht haben? Nein, wir wollen auch morgen in Sicherheit leben. Wir bleiben bei Adenauer, Erhard und der bewährten Mannschaft der CDU/CSU."

Auch die SPD hat sich inzwischen dieser Art von Werbung bedient. Da heißt es beispielsweise; "Deutschland braucht eine neue Regierung, die alle fähigen Kräfte unseres Volkes zusammenführt. Darum muß Willy Brandt Bundeskanzler werden. Er ist der Mann des ganzen Volkes." Aber die weniger abstrakte, mehr bildhaft demonstrierte Tendenz der CDU-Inserate ist offensichtlich eindrucksvoller.