Die Entwicklung der Telefunken GmbH, Berlin, im Geschäftsjahr 1960/61 (31. März) war wieder überdurchschnittlich. Diese Feststellung beruht weniger auf dem Dividendensatz von 14 (13) vH auf das gewinnberechtigte Stammkapital von diesmal 125 (100) Mill. DM. Während die gesamte deutsche Elektroindustrie und auch die elektronische Industrie, in die Telefunken während der letzten Jahre durch die Ausweitung seiner Fertigung auf die Informationstechnik und Datenverarbeitung im weitesten Sinne immer stärker hineingewachsen ist, ihren Umsatz um durchschnittlich 16 vH steigern konnten, erreichte Telefunken mit rd. 691 (571) Mill. DM Umsatz eine Zuwachsrate von 21 (25) vH bei einer Exportquote von unverändert 25 vH. Ejnschl. der Tochtergesellschaften, die sich im Alleinbesitz von Telefunken befinden, wurden nach Abzug der gegenseitigen Lieferungen rd. 740 (620) Mill. DM umgesetzt. Auf Grund der langfristigen Vorausplanung, die trotz des Einbruchs im Fernsehgerätegeschäft wieder mit verblüffender Genauigkeit eingehalten wurde, rechnet die Geschäftsleitung innerhalb der nächsten zwei Jahre damit, die Milliardengrenze im Umsatz zu überschreiten.

Alleingesellschafter von Telefunken ist nach wie vor die AEG. Die Änderung des ursprünglichen Abhängigkeitsverhältnisses von der Tochter- zur Muttergesellschaft ist in den letzten Wochen und Monaten in einigen personellen Umbesetzungen zum Ausdruck gekommen. Der Telefunken-Vorstandsvorsitzer Dr. Hans Heyne gehört dem Aufsichtsrat der AEG an, Dr. Heinz Thörner vom AEG-Vorstand hat jetzt sein Mandat im Telefunken-AR an Dr. Otto Ambros abgetreten, der ein international bekannter Kunststoff-Experte ist. Der langjährige Telefunken-Generalbevollmächtigte Dr. Carl Zickermann wurde als stellv. Mitglied in den Vorstand berufen. Diese personellen Umbesetzungen sind nicht nur ein Zeichen für die immer stärker werdende Position der Telefunken GmbH innerhalb des AEG-Konzerns, sondern auch ein Beweis für die Wandlung der einstigen Tochterin eine Schwestergesellschaft.

Unter diesen Umständen, angesichts des hohen Investitionsvolumens von rd. 65 (50) Mill. DM im Berichtsjahr – das im laufenden Jahr mindestens wieder erreicht werden soll – und der großen technischen Aufgaben der näheren Zukunft, zu denen u. a. die Beteiligung am Aufbau interkontinentaler und transozeanischer Nachrichtensatelliten für den zivilen Fernsprech- und Fernsehverkehr gehört, liegt die Frage nach dem künftigen Kapitalbedarf und seiner Deckung nahe. Sie wurde bei der Bilanzbesprechung vor der Presse gestellt, und Dr. Heyne beantwortete sie unter Hinweis auf die relativ geringen Rücklagen von 38,3 (28,2) Mill. DM oder 34 vH des Stammkapitals dahingehend, daß die Gesellschaft gezwungen sei, ihr Eigenkapital zu erhöhen. Ihre bisherigen Kapitalerhöhungen hatte die AEG durch die Einzahlung zu pari finanziert, wobei der Fiskus stets mit 2,5 vH Kapitalverkehrssteuer zu Lasten der mittelbedürftigen Tochter profitiert hat. Da Dr. Heyne die weitere Frage, ob Telefunken den künftigen Kapitalbedarf über eine Anleihe zu decken gedenke, eindeutig verneinte, dagegen aber die Vorzüge der Kapitalerhöhung einer AG über pari infolge des Agios hervorhob, liegt der Gedanke eines solchen Weges nahe. Der Umwandlung in die Rechtsform der AG stehen unüberwindliche Schwierigkeiten nicht im Wege. Den gegenwärtigen Kurswert einer Telefunken-Aktie, wenn es sie schon gäbe, bezifferte Dr. Heyne vorsichtig auf 700 bis 800 vH, wobei er auf den Charakter der Elektronik-Werte als ausgesprochene Wachstums-Papiere verwies. Für den Schluß, daß Telefunken in nicht allzu ferner Zukunft ein Börsenwert sein könnte, spricht auch die Höhe der in den nächsten Jahren erforderlichen Mittel, die von der AEG in ihrer jetzigen Konstruktion sowohl als selbst produzierendem Unternehmen als auch der Mutter zahlreicher kleinerer Beteiligungen nur noch unter besonderen Schwierigkeiten aufgebracht werden könnten. Dabei wäre die Handlungsfreiheit der Schwester Telefunken nicht nur steuerlich vorteilhaft. Die AEG selbst würde sich in ihrer Konzernstruktur damit der des Hauses Siemens nähern.

An der Umsatzsteigerung im Berichtsjahr waren alle Geschäftsbereiche beteiligt, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Das Warengeschäft,worunter im wesentlichen das Geschäft in den Konsumgütern Rundfunk- und Fernsehgeräte, Plattenspielern bzw. -wechslern und Magnetophongeräten zu verstehen ist, war trotz z. T. sehr hoher Zuwachsraten auf einzelnen Gebieten – den Telefunken-Anteil am deutschen Export von Plattenwechslern gab Dr. Heyne mit "über 50 vH" an – weniger wachstumsfreudig als das Anlagengeschäft. Bisher überwiegt dem Umsatz nach zwar noch das Warengeschäft, die schnelle Expansion der Anlagenseite aber dürfte schon in einigen Jahren dazu führen, daß sich beide Geschäftsbereiche etwa die Waage halten. G. G.