Bad Wiessee, im Juli

Frau H. hat mit achtzehn Jahren geheiratet, aus dem Nagoldtal nach Berlin, mit zwanzig hatte sie bereits zwei Kinder. Der erste Mann fiel im Krieg, der zweite nach kurzen Ehejahren gleichfalls. 1945 stand sie allein da, mit fünf Kindern und wenig Geld und ohne irgendeine Berufsausbildung. Sie war nur Hausfrau und Mutter. Sie kam auf den Gedanken, am Tegernsee eine Werkstatt für Trachtenkleidung zu gründen, denn von Trachten und vom Einrichten verstand sie etwas. Als der Rohbau fertig war, erfuhr sie, daß die Wohnungen der Arbeiter im industriefreien Kurgebiet ihr zur Last fallen würden. Das ging über ihre Möglichkeiten. Aber aus dem Scheitern dieses Werkstattplanes ist eines der heute renommiertesten Sanatorien der Bundesrepublik entstanden.

Damals, vor zehn Jahren, war der Jägerwinkel bei Bad Wiessee noch kaum bebaut; und die Privatklinik war zunächst ein bescheidenes Haus mit 20 bis 25 Betten, in der ein bekannter Naturheilarzt Fasten- und Diätkuren durchführte. Ein größeres Gebäude war geplant. Aber während der Grundbesitz im Lauf von vier Jahren sich auf 10 000 Quadratmeter abrundete, dauerte es aus Gründen des "Anrainer-Einspruchs" mit dem Bauen erheblich länger. Bis das Sanatorium seine endgültige Form erhalten konnte, hatte sich der medizinische Aspekt verändert. Die Klinik wird heute hauptsächlich von Herz- und Kreislaufkranken aufgesucht. Die Internistin Frau Dr. Ansorge, bis vor kurzem im Glotterbad tätig, und Professor Schimert, Vorstand des Instituts für Prophylaxe der Kreislaufkrankheiten an der Universität München, sind die ärztlichen Leiter. Die große Bäder- und Untersuchungsabteilung umfaßt auch Kneipp-Anwendungen, Sauna und was eben in ein solches Haus gehört. Es hat mit den Nebenhäusern 60 Betten und ebenso viele Angestellte.

Daß es mehr als irgendein anderes Sanatorium von der Persönlichkeit des Besitzers geprägt wird, mag daran liegen, daß dieser Besitzer eine Frau ist. Sie hat Patientenzimmer und Aufenthaltsräume mit einem sehr weiblichen Sinn für Behaglichkeit eingerichtet, dem Charakter der Landschaft und einer gewissen bäuerlichen Tradition entsprechend, wie sie gerade in Oberbayern noch bewußt gepflegt wird. Dabei ist Frau H. Schwäbin, eine waschechte, runde, frohmütige Schwäbin, deren Rezept schlicht lautet: "Es braucht halt jed’s eine Mutterbruscht!" Unter diesem Motto versorgt sie ihre Gäste, dirigiert sie exakt, aber humorvoll das Personal und vielleicht sogar die Ärzte. Die Gäste, unter denen man viele Namen aus der Industrie, aber ebenso viele Künstler findet (im vorigen Sommer erholten sich dort gleichzeitig Elisabeth Bergner und Fritzy Massary, übrigens ohne in Erscheinung zu treten), entwickeln sich gern zu Stammgästen. Frau H. ist für alle da, und wenn sie in die Küche geht, um für sechzig Patienten eigenhändig echte Spätzle zuzubereiten, so wird nur ein gastronomischer Banause den Unterschied zur normalen Gasthauskost nicht bemerken.

Eine Freundin des Hauses sagte einmal von Frau H.: "Was sie anfaßt, gedeiht – sie ist fruchtbar wie die Erde." Der Park des Sanatoriums ist der beste Beweis für diese Behauptung. Abgeschirmt gegen die Landhäuser, die in den letzten Jahren dutzendweise zwischen Jägerwinkel und der Ringstraße des Tegernsees emporschössen, erstreckt sich auf der Rückseite des Baues eine smaragdfarbene, schier englisch wirkende Rasenfläche, umgrenzt von wechselnd bunten Stauden und wenigen alten Bäumen. Durch das Buschwerk schlängelt sich ein Plattenweg zum "Badegärtlein" mit Schwimmbecken, Brausen, Liegestühlen und Außenkamin. Ein Schwimmbad im Haus kommt jetzt hinzu. Die Aktivität der stets beweglichen Besitzerin hat eine Anlage von ungemein beruhigender Wirkung geschaffen. Selbst Supermanager müßten hier friedlich werden. Und das ist schon die Basis der Gesundung. M. M. Gehrke