Am Wochenbeginn hat die Baisse-Spekulation in den Börsensälen eine schwere Niederlage erlitten. Sie zeichnete sich bereits am Freitag voriger Woche ab, und zwar in einer bemerkenswert lebhaften Umsatztätigkeit. Sie pflegt anzudeuten, "daß etwas im Gange ist". Tatsächlich haben finanzkräftige Anlegergruppen billige Aktien in großem Umfang erworben; einfach, weil sie der Meinung waren, daß sich die Kurse zu weit von der wirtschaftlichen Realität entfernt hatten. In dieser Frage besteht übrigens Einmütigkeit. Die Mehrzahl der Aktien (ausgenommen solche, bei denen die Wachstumschancen die Höhe des Kurses bestimmen) wird zur Zeit – selbst nach den solidesten Anlagemaßstäben – für kaufenswert gehalten. Unterschiedliche Auffassungen bestehen lediglich in der Beurteilung der politischen Situation. Während die Baissiers der Meinung sind, daß der Höhepunkt des Nervenkrieges noch vor uns liegt (und in der Folge weitere Aktienverkäufe des Auslandes, verbunden mit neuen Kursverlusten), sehen die Optimisten bereits eine Entspannung in der Deutschlandfrage, zumindest aber die Basis für Verhandlungen. Wichtig für die weitere Börsenentwicklung scheint zu sein, daß niemand den Anlagemut verloren hat, sondern nur in der Wahl des Kaufzeitpunktes Meinungsverschiedenheiten bestehen. Das garantiert geradezu eine kräftige Kurserholung, sobald sich eine Einigung über Berlin abzeichnet.

In den Tagen extremer Börsenschwäche konnte man oftmals den Ruf nach einer Kursstützung hören. Er war an die Adresse der Banken gerichtet, "weil es doch in ihrem Interesse gelegen hätte, das Publikum zu beruhigen". Sicherlich ist es den Wertpapierabteilungen der Banken nicht angenehm, sich Tag für Tag mit enttäuschten Aktien- und Investment-Käufern unterhalten zu müssen (denen man zu sehr viel höheren Preisen Wertpapiere verkauft hatte), aber es erscheint als nahezu unmöglich, auf die Dauer eine schwache Tendenz durch Kursstützung aus der Welt schaffen zu wollen. Auch bei den Kreditinstituten sind für einen solchen Zweck nicht ausreichend Mittel vorhanden, abgesehen davon, daß man kaum Einigkeit darüber erzielen kann, ob und wann "eingegriffen" werden soll.

Wenn bekannt geworden ist, daß in den letzten Tagen die eine oder andere Großbank Aktien aufgenommen hat, dann sollte man solche Aktionen nicht mit dem Begriff "Kursstützung" in Verbindung bringen. Gekauft wurde, weil man, glaubt, die erworbenen Papiere in absehbarer Zeit mit Gewinn wieder verkaufen zu können. Bei den Banken weiß man, daß es nur wenigen gelingt, den niedrigsten Kurs beim Kauf zu er wischen. Deshalb nimmt man an schwachen Tagen stets einiges auf und erhält dadurch einen günstigen Mischkurs.

Aber nicht nur bei den Aktien war von Kurspflege die Rede. In stärkerem Maße noch bei den festverzinslichen Papieren, die ebenfalls unter Druck geraten sind. Wer Kursstützung will, beabsichtigt in der Regel zu verkaufen und möchte deshalb einen "guten" Kurs haben. Natürlich liegt die Gefahr nahe, daß ein Pfandbriefsparer, der sich gerade jetzt über den Verkauf seines Papieres Mittel beschaffen muß, durch einen schlechten Kurs so enttäuscht wird, daß er niemals wieder zum Wertpapiersparen zurückfindet. Aber diese Gruppe ist es gegenwärtig nicht, aus deren Reihen das Angebot fließt. Als Abgeber treten neben den Ausländern auch die sogenannten "wendigen Anleger" auf, die den Trend des sinkenden Zinses auf dem Rentenmarkt nunmehr als beendet ansehen und die sich bei den festverzinslichen Papieren nur noch geringe Kurschancen ausrechnen; jedenfalls geringere als bei den enorm gedrückten Aktien. Folglich wird "umgestiegen". Das haben in der vergangenen Woche auch einige Versicherungsgesellschaften im Rahmen ihrer vorgeschriebenen Anlagemöglichkeiten getan. Der dritte Ansturm auf den Sprozentigen Typ ist vorerst mißglückt. Damit ist der Bundesbank aber auch die Möglichkeit genommen, über die Auflage von Anleihen ausländischer Emittenten einen wirksamen Kapitalexport zu erreichen. Kurt Wendt