Momentautnahman im Wahijahrs: Carlo Schmid

Die Hausnummer von Professor Carlo Schmid scheint seltsamerweise nicht einmal der Parteileitung der SPD genau bekannt zu sein. "Schräg gegenüber vom Fahrer Ollenhauers", beantwortet eine Sekretärin den abendlichen Anruf, "der kann’s Ihnen sagen." Aber in der aus grauen Reihenhäusern bestehenden Straße der Reuter-Siedlung Bonns hängt eine wuchtige Silhouette aus einem Fenster im zweiten Stock und beherrscht die beinahe geduckt wirkende Gegend: Carlo Schmid betrachtet sich den Abend.

Er selbst öffnet die Tür. Über eine steile, kurze Treppe, die unter unseren Tritten leise aufseufzt, führt der Weg in eine winzige Wohnung und in ein von Büchern, orientalischen Reiseandenken und schönen Reproduktionen französischer Expressionisten umrahmtes Wohnzimmer. Die Studierstube eines Gelehrten, möchte man sagen. Aber zwei Telephonapparate zeugen von doppelter Verbindung mit der Welt. Auf dem Tisch wartet ein Kognak. "Leider kein französischer", sagt der Hausherr.

Frankreich, la douce France: die geistige Ziehmutter dieses Mannes, dem das "Reich" niemals Heimat war, die Bundesrepublik aber jenes Kraftfeld ist, in dem er sich willig und freudig rührt – weniger mit Ellenbogen (wie andere Politiker), aber manchmal mit elegantem Florett, an dessen Spitze Zitate aus der gesamten Weltliteratur funkeln, von den alten Griechen bis zu den modernen Franzosen und Deutschen.

"Ich werde heute abend mein bißchen Bildung sorgsam zusammenhalten müssen", seufzte sein Gast vor dem Gespräch. So war es auch. Man wurde in Latein, Griechisch und Französisch geprüft, mit unterschiedlichem Erfolg, aber es war ein Vergnügen. Denn es ist ein Vergnügen, inmitten der Bundesrepublik, in der es so viel hemdsärmliges Managertum gibt, etwas von dem Geist anzutreffen, der Frankreichs Stärke ausmacht, bei uns aber, in der Arena "schrecklicher Vereinfachungen", oft als deplaciert empfunden wird. Daß eine elementare, immer präsente Bildung jedoch kein Hindernis auf politischen Pfaden zu sein braucht, demonstriert bei uns als einer von wenigen Carlo Schmid aus Tübingen, geboren in Perpignan, Südfrankreich.

Kann es Pose sein, wie manche behaupten, daß Carlo Schmid seine Bildung so versprüht? Wenn es Pose ist, so ist sie ihm zur Natur geworden: Innerhalb weniger Minuten sind wir bei den venezianischen Nobili angelangt, bei den Welfen des 15. Jahrhunderts, bei der französischen Bourgeoisie bis Louis Philippe. Und wenn bei alledem auch vielleicht ein wenig Koketterie mit im Spiele ist, so ist sich Carlo Schmid dessen doch wahrscheinlich nicht bewußt. Er denkt in geschichtlichen Beispielen – und es fallen ihm gleich so viele ein!