Lö., Landshut

Die Preludin-Konsumenten in der Bundesrepublik, deren Zahl alles andere als gering sein soll, werden gut daran tun, schnell das Pillenschlucken aufzugeben. Ein Prozeß im niederbayerischen Landshut, der kürzlich zu Ende ging, zeigte in erschreckender Weise, wie weit der Genuß von Preludin einen durchaus vernünftigen Menschen treiben kann.

Angeklagt war, und zwar wegen vierfachen Mordversuches, eine 29jährige Apothekerin namens Hildegard Ibel, gebürtige Münchnerin und Tochter ordentlicher Eltern. Auf der Oberrealschule hatte sie unter "bedrückender Einsamkeit" gelitten und angefangen, zunächst Schmerzlinderungsmittel, später dann euphorisierende Medikamente einzunehmen. Bald war sie preludinsüchtig.

Dieses Preludin, in Kreisen der Intelligenz ein recht populäres "Weckamin", wird seit 1954 verkauft. Der Hersteller empfahl es speziell zur Behandlung von Fettleibigkeit; eine Reihe von Ärzten verschrieb es ursprünglich ohne alle Bedenken.

Schon 1955 indessen wurde Preludin auf die Liste der rezeptpflichtigen Präparate gesetzt: "wegen Gefahr des Mißbrauchs" war "besonders Vorsicht geboten" – weil nämlich Personen, die abmagern wollten, vom Preludin auch dann nicht mehr lassen mochten, wenn sie ihr Ziel erreicht hatten. Mit Preludin ließen sich Ermüdungserscheinungen bekämpfen, ohne daß (wie etwa beim Pervitin) unangenehme Nebenerscheinungen auftraten; aber es regte nicht nur an, sondern machte auch süchtig.

Der Name dieses "Weckamins" sprach sich herum; die Süchtigen benutzten die üblichen Wege, um in seinen Besitz zu gelangen. In die breite Öffentlichkeit kam Preludin im vergangenen Jahr, als ein Fräulein Johanna Ehrenstrasser aus Wien, von Profession "Miß Europa", in London wegen zahlreicher Ladendiebstähle vor Gericht gestellt wurde. Die Verhandlung ergab, daß die Miß monatelang Preludin geschluckt hatte.

Am Falle Ibel läßt sich nun eine konkrete Vorstellung gewinnen, wessen ein Preludinsüchtiger fähig ist. Hildegard Ibel machte mit knapp zwanzig Jahren die erste Entziehungskur, fing dann wieder an, machte abermals eine Entziehungskur, fing jedoch von neuem an und verbrauchte bald ihr ganzes Einkommen für Preludin. Sie fiel durch höchst merkwürdiges Benehmen auf: sie warf sich ohne jeden Anlaß ins Faschingskostüm oder verlangte von ihrer Mutter, sie solle sie füttern wie ein Kleinkind; sie unternahm aberwitzige Kletterpartien durch die Fenster der elterlichen Wohnung und drehte zuweilen alle Gashähne auf.