Von Rudoli Fischer

Paris, Ende Juli

Welche Vorstellungen macht sich Burgiba denn von den Franzosen? Hält er sie für so heruntergekommen und dekadent, daß sie sich eine derartige Behandlung ihres Landes und ihrer Fahne gefallen lassen – Diese rhetorische Frage, von André François-Poncet im "Figaro" aufgeworfen, gibt die Stimmung wieder, von der die Mehrheit der Franzosen in diesen Tagen beseelt ist.

Nach der "Schlacht von Biserta" ist eine Atempause eingetreten, die in Paris wie anderen Ortes Gelegenheit zu einer ersten Bilanz gibt. Ihre Resultate für die französische Politik in Nordafrika sind allerdings verheerend. Denn der Erfolg der militärischen Aktionen ist politisch ein Pyrrhus-Sieg.

Biserta ist das Symbol für eine Sackgasse. Hier geriet nicht nur nationales Prestige in die Enge, sondern auch der hohe Anspruch Frankreichs, künftig in Nordafrika die Rolle einer ordnenden Macht zu spielen. Mit den 700 Toten von Biserta wird eine politische Konzeption zu Grabe getragen, die Frankreich einen sinnvollen und fruchtbaren Einfluß in den ehemaligen Kolonien verhieß.

Burgiba will nicht länger der maßvolle Vermittler zwischen Franzosen und Arabern sein. Dies hat er wahrhaftig dadurch deutlich gemacht, daß er aus eigenem Antrieb, ohne Not und mit Umsicht den Streit vom Zaun brach.

Wenn Burgiba seine "Freiwilligen", unter denen auch Frauen und – Kinder waren, deshalb auf die Barrikaden gehetzt hat, weil seine nationale Mystik einen solchen pathetischen Opfergang gegen den "Kolonialismus" wünschte, damit er im arabischen Lager die Führerrolle um so besser spielen könne, dann haben ihm die französischen Fallschirmtruppen diesen Wunsch erfüllt. Welch krasses Mißverhältnis zwischen den Gefallenen: 670 Tunesier gegenüber 30 französischen Paraschutisten! 700 Tote also als Opfer im Kampfe um einen Stützpunkt, dessen strategischer Wert umstritten, dessen Verteidigungsmöglichkeit gegenüber einem feindseligen Hinterland im Ernstfalle gleich Null ist und dessen Räumung eigentlich schon eingeleitet war! Ein künstlich erzeugter Haßausbruch zwischen Bevölkerungsgruppen, die sich im Grunde freundschaftlich verbunden waren. Welch ein Bild radikalen Unsinns und mutwilliger Brutalität! Aber ist es schon Tollheit, so hat es doch Methode.