Von Walter Abendroth

Neu-Bayreuth hat sich durchgesetzt! Schon vor Beginn der diesjährigen Festspiele waren sämtliche achtundzwanzig Vorstellungen ausverkauft. Und die radikale Neuinszenierung des "Tannhäuser" wurde mit lärmender Begeisterung, mit Bravorufen, Getrampel und Dutzenden von "Vorhängen" nach jedem Akt quittiert.

Dies der objektive Befund. Eine andere Frage ist, was dieser Befund besagt. Das läßt sich auf eine kurze Formel bringen: 1876 triumphierte Richard Wagner über das Opernpublikum; 1961 triumphiert das Opernpublikum über Richard Wagner. Der Regisseur dieses entscheidenden Umschwungs heißt Wieland Wagner. Es ist erstaunlich, wie wenig doch Blutsverwandtschaft bedeutet...

Freilich: welch ein Ensemble erlesener Stimmen! Die "schwarze Venus" Grace Bumbry, ein herrlicher Mezzosopran von sinnlichem Schmelz und dramatischer Schlagkraft; die Elisabeth der kleinen Victoria de los Angeles mit einem Organ von runder Süße und innigem Ausdruck; Dietrich Fischer-Dieskaus Wolfram – ein Ideal beseelter Gesangskultur Wolf gang Windgassens Tannhäuser voll "Mark und Nachdruck", besonders in der Rom-Erzählung; und der würdevolle, sonore Landgraf Josef Greindls. Eine solche Besetzung ist auch hier schon lange kein Normalfall mehr. Dazu das wunderbare Orchester unter Wolf gang Sawallischs ebenso sensibler wie zügiger Leitung und die vollendet schönen Chöre (Wilhelm Pitz).

Vom Musikalischen her, gerade auch von der dramatischen Durchblutung des Musikalischen her, blieb kein Wunsch unerfüllt. Das war einmal wieder gutes altes Bayreuth-Format.

Wenn nur das Szenische diesem Leben aus dem dramatischen Impuls entsprochen hätte! Aber Wieland Wagners Einfälle kommen nicht aus dem Künstlerischen, sondern aus dem Ideologischen. Sie sind beständig von des Gedankens Blässe angekränkelt. Daher die Tendenz zum Übersymbolismus, zum Oratorienstil, zum Statuarischen, zur Uniformität, zum – Ausstattungs-Kunstgewerbe.

Die Lebenswahrheit hat sich nur noch in wenige Dialogszenen geflüchtet: so besonders im 2. und 3. Akt. Ansonsten ist alles effektvoller Dekor. Alles Landschaftliche, alles, was an Natur erinnern könnte, bleibt streng verpönt. Dadurch gehen wichtigste dramaturgische Kontraste in die Binsen. Aber dafür haben wir die Goldgrundideologie. Zwar hat schon der große Bühnenbildner Emil Preetorius mit dem Gedanken eines "Tannhäuser auf Goldgrund" gespielt; aber an so etwas wie den riesigen goldenen Käfig, der hier das Wartburgtal vertritt, dachte er dabei wohl kaum. Es sei nicht geleugnet: manches wirkt, wie die minuziös berechneten Schlußtableaus,sehr schön; nur darf man dabei eben nicht an Wagner denken.