Sie trafen sich in Berlin aus Ost und West – Der 10. Evangelische Kirchentag

Von Rolf Zundel

Er trug einen zerknitterten Anzug, dessen Schnitt vor fünfzehn Jahren modern gewesen war. Er hatte verarbeitete Hände und das Gesicht eines Patriarchen: unter buschigem weißem Haar eine breite Stirn, ein fester Mund und ein Paar fröhliche Augen. Er war ein Mann, der es mit einem Werkstück ebenso genau nahm wie mit dem Buchstaben der Heiligen Schrift. Aus einer kleinen Stadt in der Zone war er gekommen. Er war der einzige aus seiner Gemeinde, der es gewagt hatte, zum Kirchentag nach Berlin zu fahren.

Früh am Morgen war er von zu Hause aufgebrochen, hatte mit Klugheit und Glück die Kontrollen passiert und war einen Tag lang hiergewesen. Er hatte auf den hinteren Bänken gesessen, wenig gesprochen und genau zugehört. Nun war es Abend, und er mußte wieder zurück. "Vielleicht habe ich Glück und kann morgen noch einmal dabeisein", sagte er, "vielleicht".

Er war Kirchenältester seiner Gemeinde und erzählte: "Vor drei Jahren waren es noch fünfzig bei uns, die zur Konfirmation gingen, beim letztenmal waren es nur noch fünf." Er erzählte, wie auch andere noch in seinem Heimatort überlegt hatten, ob sie nach Berlin fahren sollten. Aber sie waren zu Hause geblieben – aus Vorsicht, aus Furcht vor Nachteilen. Der Kirchenälteste berichtete dies ohne Haß auf das Regime, das viele seiner Gemeindemitglieder mutlos gemacht hatte; er fühlte sich nicht als politisch Verfolgter und schon gar nicht als christlicher Märtyrer: "Man hat uns bisher in Ruhe gelassen. Bequemer ist es natürlich, wenn man sich nicht als Christ bekennt, wenn man sich klein macht; und aus Bequemlichkeit, aus Vorsicht sind viele von der Kirche abgerückt, aber die haben auch vorher schön nur dem Namen nach zu uns gehört."

Erlebnis der Gemeinsamkeit

Der Kirchenälteste packte sorgsam in seine Mappe ein, was er von Westberlin nach Hause mitnahm: ein paar Stücke Brot, eine Wurst, Reste der Tagesverpflegung, die er bekommen hatte, eine Tafel Schokolade, die er für die Enkel gekauft hatte, und einen Löffel, auf dem eingeprägt war: Kirchentag Berlin 1961. "Das ist mein Erinnerungsstück an diesen Tag."