Was ist der geschichtliche Auftrag der Gewerkschaft Welche Aufgaben hat sie in unserer Gesellschaft, in einer unteilbaren Welt? Welche Aufgabe hat sie in diesem Jahrzent und in diesem Jahrhundert?

Die Gewerkschaft ist die Selbsthilfeorganisation, die Selbstverwaltungsorganisation, die Widerstandsorganisation der arbeitenden Bevölkerung. Das ist ihre Grundbestimmung. Die gewerkschaftliche Aktion nimmt ihren Ausgang vom wirtschaftlichen Schicksal und vom Arbeitsschicksal der Arbeitenden; sie interessiert sich zunächst für deren Bezahlung, für deren Arbeitszeit, für die Sicherung ihrer Arbeitsplätze, für die Bedingungen ihrer Arbeit.

Aber sie kann und darf bei diesem ersten und nächstliegenden Bereich nicht stehenbleiben. Wenn sie wirklich und in allem Ernst die Organisation der Selbsthilfe, der Selbstverwaltung und des Widerstandes der arbeitenden Bevölkerung sein will, dann muß sie an drei Elementen festhalten, die zu ihrer Überlieferung gehören, die aber im einzelnen immer neu bestimmt werden müssen:

  • Die Gewerkschaft ist erstens antikapitalistisch in einem allgemeinen Sinn, das heißt: sie kämpft und arbeitet gegen die Übermacht ökonomischer Mächte und Sachverhalte über die Menschen und ihre Bedürfnisse.
  • Sie ist zweitens gegen die Übermacht der Technik, d. h. gegen eine Auffassung oder eine Praxis, in der die technische Entwicklung als eine Macht angesehen wird, der sich die Menschen unterwerfen müssen; die Gewerkschaft will vielmehr, daß der Technik, an deren großzügigen Ausbau und Fortschritt sie unmittelbar interessiert ist, soziale Aufgaben gestellt werden.
  • Sie ist drittens antidespotisch in einem Sinn, der mehr bedeutet als nur ein Bekenntnis zur parlamentarischen Demokratie: d. h. sie kämpft und arbeitet gegen jede Herrschaft ohne Kontrolle, ohne Diskussion, ohne Mitbestimmung. Sie weiß, daß man in dieser Sache die Lebensgebiete nicht trennen kann: sie kann sich gegen die unkontrollierte, ohne Gegengewicht wirksame Herrschaft in Arbeit und Wirtschaft nicht wehren, wenn nicht auch in der Schule, in der Gemeinde, in der Partei, im Land und im Bund das Prinzip der Herrschaft überwunden wird.

Mit anderen Worten: die Gewerkschaft kämpft und arbeitet dafür, daß die moderne Gesellschaft sowohl in der Gesinnung als auch in allen Einrichtungen und Strukturen zu einem solidarischen Unternehmen der Menschen wird; sie arbeitet und kämpft dafür, daß die Mächte der Wirtschaft und der Technik und daß alle notwendige Autorität und Führung diesem Unternehmen, dem Versuch einer solidarischen Gesellschaft, dienstbar gemacht werden. Wenn es aber so ist, so arbeitet und kämpft die Gewerkschaft politisch, an vielen Stellen und an vielen Fronten.

Löhne ohne Politik?

Im Zeitalter der Hochkonjunktur und Vollbeschäftigung könnte es so scheinen, als ob eine Frage wie die nach dem angemessenen Lohn völlig entpolitisiert, nämlich versachlicht werden könnte, als ob sie eine Frage wäre, über die sich die Fachreferenten der beiden Tarifpartner nach gründlichem Studium der Unterlagen – ohne Politik und ohne Kampf einigen könnten–am Ende nach der gern angebotenen beratenden Mithilfe des Bundeswirtschaftsministeriums. Vielfach geschieht ja auch so etwas Ähnliches, und es mag mit solchen Vorstellungen zusammenhängen, wenn in manchen Gewerkschaften die Mitgliederzahlen sinken oder wenn man in manchen Zeitungen von der Gewerkschaft spricht, als wäre sie ein Überbleibsel aus übsrwundenen Phasen des Kapitalismus, als man – das geben selbst die Gegeninteressenten nachträglich gern zu – tatsächlich um den angemessenen Lohn kämpfen mußte, oder als wäre die Gewerkschaft ein Koloß auf tönernen Füßen, weil ja die Macht der Arbeiterbataillone, auf die sie so stolz verweist, in der modernen hochentwickelten Industrie längst durch die wissenschaftliche Analyse der Bedingungen des richtigen Lohnes ersetzt sei. Es mag sein, daß auch überkluge Kollegen von solchen Vorstellungen angesteckt sind. Unter Arbeitnehmern, die nicht organisiert sind, sind sie jedenfalls weit verbreitet.